Mit Stunkwagen gegen C A S T O R

Plädoyer für eine andere Form der Demonstration

Wie bei den ersten beiden Transporten konzentrieren sich die Überlegungen zum Tag X3 wieder im wesentlichen auf drei Ebenen: Auf die politische, auf die juristische und auf die militärische. Tradititionell vernachlässigen wir dabei einen sehr wichtigen Aspekt: Die Medienwirksamkeit unseres Widerstands.
Aber Fotos und vor allem Fernsehbilder sind es in erster Linie, die das Bild der Öffentlichkeit von uns prägen. Politiker und Polizeiführung wissen das. Und sie inszenieren und produzieren diese Bilder so wie sie sie brauchen. Denn nur solange sie den Eindruck in der Offentlichkeit aufrechterhalten können, beim Widerstand handele es sich um eine mit Gewalttätern durchwachsene Minderheit von gefühlsduselig-ängstlichen Fortschrittsgegnern und radikalen Staatsfeinden, können sie ihre harte Linie weiterfahren.

Kampfmittel Bilder

Presseerklärungen, Debatten und was die politische Werkzeugkiste sonst noch hergibt, erreichen nur politisch Interessierte. Bei den einen rennt man offene Türen ein, bei den anderen beißt man auf Granit. Die juristische Auseinandersetzung, für Nichtfachleute schwierig zu durchschauen, läuft trotz ihrer enormen politischen Bedeutung weitgehend im Verborgenen ab.
Kein Wunder also, wenn sich die Medien vorrangig für die militärische Ebene interessieren. Hier bekommen sie Bilder mit einem hohen symbolischen Gehalt. Und diese Bilder sind es, die sich in den Köpfen der Bevölkerung als Realität festsetzen.
Dieses Feld haben wir bisher den Freunden des Atoms und der Polizei kampflos überlassen. Sie haben es weitgehend geschafft, die medienwirksame Ebene der Bilder zu besetzen und mit ihren Bildern und Inszenierungen von "Chaoten" und "Gewalttätern" bürgerlichen und bäuerlichen Widerstand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu drängen.
Wir sollten den Bildern der Atomfreunde eigene Bilder entgegensetzen. Bevor sie uns inszenieren, sollten wir uns selbst in Szene setzen.
Der Widerstand ist bunt, vielschichtig, kreativ und voller Witz wie zeigen wir das draußen? Außerhalb des Wendlandes liest niemand dieAnzeigen der EJZ, in denen die vielen kleinen Gruppen wie Dorfgemeinschaften, Berufsgruppen, Geschäftsleute etc. sich öffentlich zum Widerstand bekennen. Niemand außerhalb des Wendlandes erfährt von den vielen kleinen Aktionen im Vorfeld des Tag X, weil die Journalisten nicht extra dazu anreisen. DieQualität des wendländischen Widerstands - und ihrer Verbündeten draußen - ist außerhalb des Landkreises nur Eingeweihten bekannt.
Die in diesem Sinne wichtigste Aktion unmittelbar vor dem Tag X ist der Tag "Xminus". Hier könnten wiruns in unserer ganzen Vielfalt präsentieren. Die tradtionelle Latsch-Demo, bei der die Trecker der Bäuerlichen Notgemeinschaft einmal im Konvoi durch die Masse fahren und sich bejubeln lassenn, um anschließend im Abseits zu parken, hat nicht mehr Neuigkeitswert als die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers.. . ..Xminus - wie wäre esmit einem Umzug? Jede Gemeinschaft, Widerstandsgruppe, Initiative u.ä. könnte einen Wagen gestalten, sich und ihren Widerstand öffentlich darstellen.

..Xminus - wie wäre es mit einem Umzug?

Jede Gemeinschaft, Widerstandsgruppe, Initiative u.ä. könnte einen Wagen gestalten, sich und ihren Widerstand öffentlich darstellen.
Ernst oder lustig, satirisch oder moralisch, zynisch oder sanft, künstlerisch oder agitatorisch, ganz wie sie es möchte. Sie könnte auf dem Wagen mitfahren, mit ollen Kamellen oder Schmähschriften wer fen, singen, deklamieren, schauspielen oder Musik machen. Wir könnten unseren Ideen und Gefühlen bildlich Ausdruck geben.
Die Bauern und Bäuerinnen stellen die Trecker und die Wagen (es müssen ja keine 20tonner sein), sie ziehen das, was die verschiedenen Gruppen so auf die Räder stellen. Und wer nicht mitbastelt, kann so mitfahren oder auch nur an der Streckestehen und Spalier bilden. So entstünde eine ganze Galerie von Bildern, eine Dokumentation der Vielfalt, bei der das Motiv "Steinewerfer vor Wasserwerfer" in den Hintergrund rücken müßte. Und die Polizei würde, wenn sie bei einem farbenrohen phantasievollen nicht gute Miene zum Spiel macht, unglaublich lächerlich wirken. Schwarz stände gegen Bunt, dumpfer Gehorsam gegen Kreativität, Aggression gegen Witz - das würden die Bilder transportieren.
Dieser Umzug, vielleicht noch verbunden mit einem Festplatz mit Ständen usw., vor dem Zwischenlager: Ein schöner Kontrast mit hohem Symbolwert.
Noch einen Schritt weiter: Wenn wir mit diesen Wagen auch am Tag X auf die Transportstrecke zu gehen, wäre es für die Polizei noch schwieriger, uns wegzuspritzen und zu -knüppeln. Wir würden unsere Wagen vor ihnen schützen, sie wären die Aggressoren. Wasserwerfer, die gegen liebevoll geschmückte und von Treckern gezogene Umzugswagen vorgehen, vermitteln ein völlig anderes Bild als Wasserwerfer gegen vermummte Steinwerfer. Die Sympathien wären auf unserer Seite, auch wenn der Blockadeabsicht die gleiche ist.

Un-heimlich am Tag X

Warum nicht ganz offen die Traktoren schon vor dem Tag X - z B. gleich anschließend Xminus - an der Strecke zusammenziehen? In den Dörfern, an Gehöften Wagenburgen bilden und dort auch übernachten? Journalisten einladen, zeigen, wie viele Bauern es sind. Und den Demonstranten die Gelegenheit geben, "ihre Trecker" auch bewachen und schützen zu können. In diesen Gruppen - und mit den Dorfbewohnern - könnten persönliche Bindungen und Verantwortlichkeiten entstehen. Der völlig überfüllte Dannenberger Wiese und die mit der Logistik überforderte Bl wären entlastet.
Trecker und Wagen könnten zusammen mit dem Fußvolk - und Journalisten - an die Strecke gehen.
Abgesehen von der Medienwirksamkeit eines (oder zweier) solcherUmzüge wäre es für viele nicht so mutiger Menschen aus dem Widerstand sicher eine gute Möglichkeit, sich aktiv und produktiv auf den Tag X vorzubereiten. Schon das Entwickeln und Bauen einesUmzugswagens wäre schon eine gute Gemeinschaftsaktion.Und gäbe es ein schöneres Ende für einen solchen Wagen, als im Kampf gegen den Castor den Opfertod zu sterben, nachdem sein Enstehen in vielen Fotos dokumentiert worden wäre.

Wir bitten Euch, falls Ihr was von dieser Idee haltet, uns Eure Meinung zuzusenden:

Wir würden gern
- einen eigenen Wagen gestalten
- uns einer Gruppe beim Gestalten anschließen
- vor dem Tag X 3 mit ca. Personen in einer Wagenburg leben

Kontakt: Susanne Kamien, Lange Str. 47, 29439 Lüchow