Leserbrief der

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vom 17.08.2019

Skepsis vor Oberflächenkosmetik

Betrifft: Artikel „Von Mauern und neuen Formen“ (EJZ vom 5. August)

 Eine schwarze Wand empfing die Besucher des Deutschen Pavillons auf der Biennale de Venezia 2018. Beinahe nahtlos fügten sich die Segmente aneinander – so, wie die Berliner Mauer einst wirkte: undurchdringlich. Doch beim Hineingehen schieben sich die Mauersegmente auseinander, lassen Durchgänge frei. Die Mauer ist gefallen und länger o en als sie zuvor Berlin geteilt hat. Das Architekturbüro Graft und Marianne Birthler, einstige DDR-Bürgerrechtlerin und frühere Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, kuratierten die Ausstellung „Unbuilding Walls“ (Mauern abbauen). Darüber berichtete Marianne Birthler bei der Hörerakademie der Sommerlichen Musiktage in Hitzacker.

Auf ihr Projekt „Unbuilding Walls“, diesen deutschen Beitrag auf der Architektur-Biennale in Venedig 2018, nahmen Martin Donat für den Atomausschuss des Kreistages und die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Bezug, als es um den Rückbau der festungsähnlichen Mauer ging, die das Erkundungsbergwerk in Gorleben bisher umgab: Die BI schrieb an den Umweltstaatssekretär Joachim Flasbarth und sprach mit den Verantwortlichen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Wir wollten, dass eben nicht wie in Berlin dem Drang nachgegeben wird, eine Mauer nur abzureißen und damit ein besonderes Kapitel der deutschen Geschichte schnell gelöscht wird. Um es in Birthlers Worten, einem Lieblingssatz von ihr, zu sagen: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“

„Unbuilding Walls“ findet derzeit an einem symbolträchtigen Ort der Atomgeschichte, eben in Gorleben, statt – die Bürgerinitiative Umweltschutz hat letztlich erfolgreich dafür gesorgt, dass ein symbolisches Teilstück als Denkmal erhalten bleibt. Vielleicht wird daraus ein besonderes Denkmal für die unsägliche Rolle Gorlebens als einstiges nukleares Entsorgungszentrum.

Die Gorleben-Geschichte sollte, zumal der Ausgang dieser Geschichte immer noch ungewiss ist, nicht einfach faktisch und
metaphorisch „abgerissen“ und das Wissen darum getilgt werden. Die Mauerreste, die bleiben, werden wir nutzen, um „rückwärts zu verstehen“, warum es zur Nutzung der Atomkraft in Deutschland kam, warum Gorleben als Atommüllzentrum gewählt wurde und wer wann die Verantwortung für die Tricksereien trug, den politisch und geologisch verbrannten Standort immer wieder über die Runden zu retten: Wenn die Mauer in Gorleben fällt, bleibt zudem die Skepsis, ob damit nur Oberflächenkosmetik betrieben wird, denn das Bergwerk unter Tage wird im Stand- By-Betrieb und Gorleben als möglicher Endlagerstandort erhalten. Dass weder der Referentin Marianne Birthler noch dem Berichterstatter der EJZ diese Parallelen und der bewusst andere Umgang mit dem Rückbau von Mauern aufgefallen sind oder einer Erwähnung wert waren, zeugt schon von einer großen Abgehobenheit der Veranstaltung in Hitzacker – bedenke stets, das Gute liegt ganz nah. Der Gorleben-Widerstand ist ein Gesamtkunstwerk.

Wolfgang Ehmke,
Sprecher der BI,
Breese an der Göhrde

Bearbeitet am: 17.08.2019/ad


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