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Inhalt:

Zum Jahrtausendwechsel : gehen die Atomkraftwerke "aus", oder etwa "hoch"?

Super-GAU, Schnellabschaltung oder "alles normal" in AKWs?

Seit etlichen Monaten, teilweise auch seit mehreren Jahren bewegt die EDV-Branche ein Thema, das teils hitzig diskutiert, teils völlig gelassen analysiert wird: Wie werden sich Computerprogramme, Betriebssysteme, Mikroprozessoren und Uhrenbausteine verhalten, wenn der Sprung in das nächste Jahrtausend ansteht, wenn von einer Sekunde zur Nächsten auf den 31. 12. 1999 der 1.1.2000 folgt. Werden die Rechner und die Software das klaglos schlucken, und programmgemäß weiterwerkeln, oder werden sie einfach "abstürzen", den Dienst quittieren; und welche Folgen mag das haben? Viele Programme, die in den 60er, 70er und 80er Jahren entwickelt wurden, haben nicht berücksichtigt, daß das Jahrhundert auch mal beendet sein könnte. Um Speicherplatz zu sparen - jedes Bit und Byte mußte dreimal umgedreht werden, als selbst "Großrechner" nur mit ein, zwei, oder schon bis zu acht Megabyte Memory ausgestattet waren - haben viele Programme schlicht auf die Angabe des Jahrhundert verzichtet. Klar war, wer am 31. 10. 99 geboren war, konnte nur im Jahr 1899 das Licht der Welt erblickt haben.

Am 31. 12. 1999 um 23:59:59 wird eine Sekunde später der 1.1.00 mit Schampus und einem Riesenfeuerwerk eingeläutet. Aber welcher Computer weiß tatsächlich, welche Stunde geschlagen hat? Fällt die Uhr auf den 1.1.1900 zurück? Oder auf den 1.1.1970, dem künstlichen "Geburtsdatum" von WIntel und Co.? Oder zählt der Rechner brav die Sekunden weiter, unbeeindruckt vom neuen Jahrtausend?

 

Tausende von Programmierern beschäftigen sich mit diesem "Y2K", dem "Year 2000 Komplex"; Millionen, gar Milliarden werden in der Digitalen Welt umgesetzt mit "Softwareupdates", "Patches" oder durch Totalaustausch ganzer EDV-Systeme soll diesem Phänomen die Gefahr genommen werden; oftmals wird aber auch völlig überflüssig mit geschäftemacherischen Seminaren und an die Wand gemalten Horrorszenarien nur Geld gescheffelt.

Was in Banken, Versicherungen, Verwaltungen durchaus zu witzigen Effekten führen kann, wenn etwa solche "Zeitsprünge" zu Stillstand oder Absturz wichtiger EDV-Systeme führen, sich die Kassen im Supermarkt nicht mehr öffnen lassen, die Tresore in Banken verschlossen bleiben, weil ja erst in Hundert Jahren, am 2. 1. 2000 (immerhin haben wir nach dem Uhren-Reset jetzt den 1.1.1900...) wieder Geld benötigt wird? Oder falls die Steuerklärungen (in Euro?) erstmal noch 30 Jahre liegen bleiben? Das wird sicherlich unangenehme materielle Folgen haben. "Die Welt" sollte hingegen nicht aus den Fugen geraten.

 

Aber was passiert mit wichtigen, komplexen Regelsystemen, wenn diese "Y2K"-Bugs, also Programmfehler, plötzlich an die Oberfläche geraten? Der Phantasie sei hier freien Lauf gegönnt, vieles kann Mensch sich ausmalen, an vieles werden selbst gewiefteste "Experten" nicht denken.

 

Für uns, die wir als eingefleischte "Technologiefeinde" hingestellt werden, für uns "Atomkraftgegner", die alles und jedes defätistisch in Frage stellen, hat dieser Themenbereich allerdings einen ziemlich bitteren Nachgeschmack. Denn wer kann bei den insgesamt weltweit laufenden 420 AKWs definitiv sicher sein, daß es keine Probleme in den EDV-gesteuerten Regelungssystemen geben wird, wenn das neue Jahrtausend eingeläutet wird? Ist es absolut auszuschließen, daß es Schlag Mitternacht irgendwo einen "Riesenknall", einen GAU geben kann, weil an irgendeiner Stelle der komplexen Regelungssoft- und Hardware eben nicht an das "Jahr-2000-Problem" gedacht wurde? Vielleicht gibt es ja "nur" eine Schnellabschaltung, was unserer Forderung nach "abschalten - sofort" letztendlich entgegenkäme. Aber wird nicht auch eine solche "Schnellabschaltung" über EDV-Systeme gesteuert...?

 

Siemens und Co. und die anderen AKW-Freaks in der westlichen, östlichen und sonstigen Welt werden uns "einen Vogel zeigen"; von "Panikmache bar jeglicher realer Grundlage" durch endgültig "ausgeflippte grüne Chaoten" werden sie reden, wenn wir diese Fragen thematisieren. Hoffentlich haben sie Recht, und diese Fragen entbehren jeglicher Grundlage Sicherlich werden Herden hochqualifizierter Informatiker die Software, die die AKWs steuert, mehrhundertfach in dieser Hinsicht durchforstet haben. "Deutsche Sicherheitstechnik" soll ja weltweit führend sein. Oder?

 

Immerhin: Die nicht gerade atomenergiefeindliche amerikanische Atomaufsichtsbehörde NRC hat das Thema bereits seit langem angesprochen. Just zum Weihnachtsfest am 24. Dezember letzten Jahres hat sie die AKW-Betreiber angemahnt, ihre Schularbeiten zu machen, und nachzuweisen, daß die Kraftwerke "Jahr-2000-compiliant" sind, also sicher funktionieren werden. Bis Ende August 1998 muß ein Zwischenbericht vorliegen. Wenn bis 1.7. 1999 nicht definitiv feststeht, daß es keine Probleme gibt, bzw. daß erkannte Probleme vor dem Jahr 2000 nachgewiesenerweise beseitigt sind, wird das entsprechende AKW abgeschaltet!

Doch was passiert in Deutschland? Die Bundesregierung setzt auf Vertrauen in die Betreiber (das kennen wir ja bereits vom "Castor-Skandal"...): In einem Bericht zur "Jahr-2000-Problematik vom Juli '98 heißt es lapidar zum Punkt "Kerntechnische Anlagen":

 

"Auf dem Gebiet der kerntechnischen Sicherheit hat sich die Bundesregierung mit möglichen Auswirkungen der Datumsumstellung zum Jahr 2000 befaßt. Bei Prozeßrechnern, bei Rechnern zur Anlagendiagnose und zum Objektschutz und insbesondere bei Datenlangzeitspeichersystemen in Kernkraftwerken, bei denen auf die Korrektheit von Zeitangaben und sequentieller Speicherung der Daten zu achten ist, haben die Betreiber einschlägige Untersuchungen eingeleitet. Die Ergebnisse werden von den Aufsichtsbehörden und Gutachtern überprüft. Der Vorgang wird rechtzeitig vor dem Jahr 2000 für alle Kernkraftwerke abgeschlossen sein."

 

Keine Vorgaben, keine Termine, aber volles Vertrauen, mal wieder nichts gemerkelt...

 

Und was ist darüber hinaus mit den vielen Atommeilern, die nicht deutschen oder amerikanischen Softwareschmieden entsprungen sind, die nicht "upgedatet" werden konnten, sei es, daß die Steuerungstechnik nicht austauschbar ist, sei es aus "wirtschaftlichen" Gründen, oder sei es aus mangelndem Problembewußtsein? Was wissen wir hier tatsächlich über die, seien wir mal entsprechend polemisch, "russischen", "chinesischen" oder sonstigen AKWs nicht-westlicher Technologiebasis?

 

Wir möchten an dieser Stelle im Internet in den verbleibenden Monaten die Diskussion darüber eröffnen, ob tatsächlich auch für Atomanlagen, AKWs, Forschungsreaktoren, Wiederaufarbeitungsanlagen usw. ein "Jahr-2000-Problem" und ein möglicherweise daraus resultierender "GAU" sicher ausgeschlossen werden kann.

 

Daher rufen wir alle Menschen, die sich mit dieser Problematik auskennen, auf, in die Diskussion einzutreten, ihre Informationen zu sammeln, zu prüfen, Fakten auszutauschen, um auch nur jede ansatzweise denkbaren Sicherheitslücken aufzudecken. Tschernobyl hat eigentlich allen gezeigt, die Erde ist rund, und Radioaktivität kennt keine Grenzen. Dieses Faktum sollte eine Erfahrung des auslaufenden 20. Jahrhunderts bleiben, und nicht im neuen Jahrtausend schmerzlich-tödlich wiederholt werden müssen.

Wir bitten weltweit alle Informatiker, Physiker, Kerntechniker, Regelungsingenieure, sich konkrete Gedanken zu diesem Thema zu machen, Fragen zu stellen, Antworten zu geben.

Wir, die Initiatoren der CASTOR-NIX-DA!-Seiten sind Laien. Doch wir sind besorgt. Lachen Sie uns ruhig aus, wenn unsere Sorgen unbegründet sein sollten. Wir werden gerne mitlachen. Riesig gerne! Und wir lassen uns gerne, wirklich sehr sehr gerne überzeugen. In unser aller Interesse!

Doch zunächst bleiben viele Fragen offen, z.B:

Welche Hardware wird für die AKW-Steuerung eingesetzt? Diskret aufgebaute Rechner? Mikroprozessoren? INTEL-Chips? Und welche sonstigen? Und von wann? Welche Uhrenchips? Welche Software wird zur Steuerung eingesetzt? Betriebssystemunabhängige, maschinennah programmierte Software? Oder mit modernen Entwicklungsumgebungen erarbeitete Software-Compilate? Wie reagieren "embedded systems", also komplette Hardware-Module, wie bspw. Termperatursensoren? Kann eine Datum/Uhrzeit Problematik in solchen Regelungs- und Steuerungssystemen überhaupt Auswirkungen haben? Oder ist das auszuschließen?

Zur Verdeutlichung:

  • In den 80er Jahren wurden in Amerika unserer Kenntnis nach "Altos"-Computer im Bereich der Steuerung von AKWs eingesetzt. Diese Rechner benutzten den (damals absolut modernen) 286er Chip als Herzstück, und liefen auf UNIX-Betriebssystembasis. Ist damals die "Jahr2000-Problematik" schon berücksichtigt worden? Sind die damaligen Rechner bereits ausgetauscht worden, oder noch im Einsatz? Gemäß dem altbekannten EDV-Grundsatz "never touch a running system"?
  • Ende der 80er wurden in Deutschland u.a. Programme für AKW auf "Prime"-Rechnern entwickelt. Deren Betriebssystem ist definitiv nicht "Jahr-2000-fähig". Und die darauf entwickelten Programme? Mit welchen Programmiersprachen wurden diese geschrieben? Fortran "77"? Cobol? Pascal? Das Betriebssystem "Primos" kennt nur zweistellige Jahreszahlen...
  • Die weltweit im Bereich kommerzieller UNIX-Rechner nicht gerade wenig verbreiteten Rechner der Fa. "Sun" haben erst kürzlich für ihr "Solaris"-Betriebssystem ein "Update-Paket" erhalten, in dem auch wieder ein "Jahr-2000-Patch" eingebunden ist. Wer aber kann definitiv sagen, daß damit wirklich alle Problemstellen gemeistert sind? 

Betriebsysteme und Programme berechnen "Zeiten" fast nach Lust und Laune (der jeweiligen Programmierer): Bei einigen wird Datum und Uhrzeit auf Basis des 1.1.00 (gemeint ist wohl der 1.1.1900) errechnet, indem die seitdem vergangenen Sekunden herangezogen werden. Andere Programme gehen von der "Geburtsstunde" des "PC", die auf den 1.1.1970 festgesetzt wurde aus, um die Vergänglichkeit der Zeit EDVgemäß fassen zu können. Andere wiederum ("Excel", siehe c‘t - Ausgaben vom August und September) benötigen gar komplexe Rundungsmechanismen, um ausrechnen zu können, wieviele Stunden von 19:00 bis 3:00 morgens vergangen sind; ergibt sich etwa ein negativer Wert, antwortet das Programm schlichtweg mit "Error".

Was passiert, wenn im Jahr 2000 plötzlich mit dem Wert "00" gerechnet werden muß? "Stack overflow", "Segmentation violation", Absturz wg. "Division by Zero"???

 

In Amerika wurde nach einer Routineinspektion ein "konventionelles" Kraftwerk testweise per Datum ins nächste Jahrtausend versetzt. Es arbeitete exakt 30 Sekunden. Dann fiel das erste Bauteil aus... Nach dem dritten Reparaturversuch war erstmal endgültig Schluß, Wäre das Kraftwerk am Netz gewesen, hätte es zu einem Kurzschluß mehrerer anderer Kraftwerke geführt. Die Reparatur dauerte 13 Tage!

 

"Murphy‘s Gesetze" gelten. Nicht nur im EDV-Bereich. Auch in AKWs. "Was passieren kann, passiert". So wie im AKW Esensham / Unterweser. Vor einigen Wochen hat sich beim Wechsel ein Brennelement verklemmt, es läßt sich nicht vor, nicht zurück bewegen. So was war nicht vorgesehen. Bislang ist uns zumindest nicht bekannt, daß es eine Lösung gegeben hätte. "Murphy" lebt weiter. Auch im Jahr 2000!

Wir bitte alle, die sich Gedanken zu diesem Thema machen, sich mit Freunden und anderen Bekannten auszutauschen - weltweit! Denn das Problem ist international.

Wir bitten, uns (kurze) emails mit Ihren Thesen zuzusenden:

 

Wir haben ein Diskussionsforum auf den Internetseiten eröffnet, um Ihre Beiträge zu veröffentlichen. Sollten Sie Quellen, Daten, Fakten zur Verfügung haben, bzw. zur Verfügung stellen können, bitten wir um entsprechende Hinweise. Wir werden sie in entsprechenden Linklisten zusammenfassen. Auch von denjenigen, die nicht "online" sind, erbitten wir Beiträge (am besten rein ASCII) auf Diskette, per Fax, oder auf Papier.

 

Eines jedenfalls erscheint sicher: Der Sofort-Ausstieg ist möglich. Und nötig. Zwangsläufig! Von "Restlaufzeiten" kann kaum mehr die Rede sein! Schluß ist am 31. 12. 1999! Oder vorher. Oder glaubt irgendwer, der Schrottreaktor Stade bspw. könnte und würde noch Jahr-2000-fähig gemacht???

 

CASTOR-NIX-DA!!! AKWs - ABSCHALTEN!!! SOFORT! BEVOR ES ZU SPÄT IST!!!

 Dieter Metk, 6. 9. (19)98 


Fachgruppe "Internet" der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
c/o BI-Büro, Drawehner Str. 3,
29439 Lüchow, Tel.: 04841 / 4684, Fax 3197

Spendenkonto: KSK Lüchow (BLZ 258 513 35), Kto.-Nr.: 2 060 721

Dieser Text ist auch als zweiseitiges Flugblatt als Word'97-Document abrufbar:

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Bearbeitet am: 20.9.98/dm


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