Stern 30/97

FRANKREICH
Mütter in Wut

Das Vertrauen in die Atompolitk bröckelt. Nach bedrohlichen Untersuchungsergebnissen wird jetzt vor der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague protestiert

Solange Nathalie Bonnemain zurückdenken kann, gab es schon die »Fabrik«, wie die atomare Wiederaufarbeitungsanlage La Hague von allen in der Umgebung genannt wird Als die heute 34jährige Französin geboren wurde war der Bau des milliardenteuren Komplexes in vollem Gang. Als Kind brauchte sie nur zur Küste hinunterzulaufen, um über die Buch von Cherbourg in der Ferne die riesigen Hallen sehen zu können, in denen abgebrannte Brennstäbe chemisch aufbereitet werden um Uran und das hochgiftige Plutonium aus ihnen herauszuholen.


Durch Starkstromzaun geschütz: die Wiederaufbereitungsanlage

Nathalie Bonnemain hatte lange keine Angst vor der Recycling-Fabrik, in der, so Kritiker, der gefährlichste Müll sortiert werde, den die Menschheit je produziert hat. Sie glaubte wie die meisten den Beteuerungen der staatlichen Betreiberfirma Cogema, alles sei unter Kontrolle, von der Anlage ginge keine Gefahr aus. Die ersten Zweifel beschlichen die Mutter zweier kleiner Kinder, als sie von einer Untersuchung las, nach der in der Umgebung einer vergleichbaren Fabrik im britischen Sellafield mehr Leukämiefälle vorkommen als anderswo.

1995 erschien dann eine ähnliche Studie für La Hague. Nach den Recherchen von Professor Jean-François Viel, hatten Kinder, die in 35 Kilometer Umkreis der Plutoniumfabrik aufwachsen, ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, an Blutkrebs zu erkranken.

Dieses Jahr lieferte der Epidemiologe von der Uni Besançon »überzeugende Belege« für einen »kausalen Zusammenhang« zwischen den gehäuften Leukämie-Erkrankungen und der Wiederaufarbeitungsanlage nach. Schuld seien die radioaktiven Abwässer, die sich von La Hague ins Meer ergießen. Professor Viels Befragungen vor Ort hatten ergeben, daß die 27 Kinder rund um die Plutonium-Fabrik, die in den Jahren zwischen 1978 und 1993 an Blutkrebs erkrankt waren, im Durchschnitt häufiger im Meer gebadet und öfter Fisch gegessen hatten, der in der Region gefangen wurde. »LaHague benutztdie See als Müllkippe für radioaktiveAbwässer«, sagt Gero Lücking von der deutschen Greenpeace-Zentrale in Hamburg.

Im Juni kreuzte er auf der »Rainbow C« vor La Hague. Nachtagelangem Suchen fanden er und seine Mitstreiter den Ausgang des Rohres, über das der radioaktive Müll ins Meer fließt. Nach den Greenpeace-Messungen strahlt die Flüssigkeit aus dem Abwasserrohr mit einer Beta-Aktivität von mehr als 200 Millionen Becquerel pro Liter, normales Seewasser nur mit zwölf Becquerel. Die Universität Bremen fand in den mitgebrachten Proben radioaktive Isotope von Cobalt, Cäsium, Mangan und Antimon. 230 Millionen Li ter dieser Brühe, so Lücking werden jährlich von La Hague in den Atlantik gepumpt.

Nathalie Bonnemain gründete mit anderen Frauen, die sich wie sie um ihre Kinder ängstigten,»Les mères en colere« - »Die Mütter inWut« Die 34jährige: »Wir glauben den Aussagen der Atombehörden nicht mehr. Wir verlangen weitere unabhängige Untersuchungen.« Mehrmals demonstrierten die Frauen vor dem Haupttor von La Hague und in der Innenstadt von Cherbourg. Nathalie Bonnemain: »Das ist der erste öffentliche Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage.«

Der lautstarke Protest fiel den Frauen schwer. Auf Cotentin, der Halbinsel im äußersten Nordwesten Frankreichs, ist die Atomindustrie einer der wichtigsten Arbeitgeber. Außer der Plutoniumfabrik mit ihren 3000 Arbeitsplätzen gibt es zwei Kernreaktoren. Dazu kommt die Werft für die französischen Atomunterseeboote in Cherbourg. »In fast jeder Familie hier gibt es mindestens einen, der in der Nuklearindustrie arbeitet«, sagt Didier Anger, Mitglied der französischen Grünen. Die Unsicherheit in der Bevölkerung wächst. »Immer mehr Kunden fragen, ob meine Fische vor La Hague gefangen wurden«, sagt Pierre Ernouf, Fischer aus Dielette, einem Ort 20 Kilometer südlich. Seit sich die Grünen 1983 in Frankreich als Partei etabliert haben, fährt der Lehrer Anger bei den Gemeindewahlen in seinem Heimatdorf Les Pieux Traumergebnisse ein: »Immer über dreißig Prozent.« Auch viele Angestellte der Wiederaufarbeitungsanlage wählen Grün. Bei den jüngsten Parlamentswahlen mußte sich Anger erst im zweiten Wahlgang dem konservativen Kandidaten geschlagen geben.

Nach dem Machtwechsel im Mai wurde zum erstenmal eine Grüne, Dominique Voynet, Umweltministerin in Paris.Als die Greenpeace-Zahlen von der Hamburger Gesundheitsbehörde bestätigt wurden, ließ sie die Küstengewässer vor La Hague für Segler und Fischer sperren. Unabhängige Messungen der Radioaktivität sollen jetzt die Werte der Cogema überprüfen. Das Unternehmen beteuert, die Strahlenwerte entsprächen ihren

Genehmigungen. Im Meer würde das Abwasser außerdem rasch verdünnt. Die Politiker vor Ort jedoch möchten am liebsten weiter vertuschen. Anger: »Sie haben Angst, die Touristen könnten ausbleiben,vor allem die aus Deutschland. Doch anstatt bei der Cogema die Schuldzusuchen,werden die Protestler angeklagt, sie vergraulten Besucher.«

KLAUS THEWS


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