Greenpeace Nachrichten 1/97

ATOMTRANSPORTE

Sind informierte Polizisten unerwünscht?

Während seiner Tour zu Polizeidienststellen stand der Greenpeace-Container mit der Ausstellung "Strahlengefahr durch Castortransporte" meist vor geschlossenen Toren. Aktionskoordinator Roland Hipp war dabei. Für welche Berufsgruppe gilt Leukämie als "Dienstunfall"? Wer denkt bei dieser Frage schon an Polizisten? Tatsächlich lautet so ein entsprechender Vermerk in den Personalakten von Polizisten des Landes Nordrhein-Westfalen, die bereits an einem Castortransport teil genommen haben. Wie das? Die Atomindustrie beteuert doch ein ums andere Mal die Behälter seien so sicher, daß sie jeden erdenklichen Unfall überleben und schon gar keine Menschen gefährden. Sind die Hüter des Gesetzes also besonders sensible Seelen?

Wohl kaum. Untersuchungen des Strahlenmedizieners Professor Horst Kuni zeigen, daß der Akteneintrag wohl berechtigt ist: Schon ein Aufenthalt von nur 24 Stunden im Jahr in fünf Metern Abstand von einem mit radioaktiver Fracht beladenem Castor-Behälter verdoppelt das Gesundheitsrisiko gegenüber Beschäftigten eines Atomkraftwerkes. Der in Niedersachesn für Polizeibeamte gültige Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr wird bereits bei einem einzigen Transport deutlich überschritten.

Doch bevor wir von den Personalaktenvermerken wußten, mußte es so erscheinen. daß man davon in den zuständigen Ministerien keine Ahnung hatte. In einem Schreiben an die Gewerkschaft der Polizei behauptet etwa Niedersachsens Innenminister Glogowski, daß die Polizisten beim ersten Castor-Transport nach Gorleben einer Maximaldosis von nur 0,086 Millisievert ausgesetzt waren. Nach den Erkenntnissen Professor Kunis betrug der Wert mindestens 1.9 Millisievert, Angesichts dieser eklatanten Fehleinschatzung schlossen wir auf einen großen Informationsbedarf.

Also erarbeiteten wir mit Protessor Kuni eine Ausstellung zur Strahlengefahr durch Castortransporte und besuchten damit 17 Polizeischulen und Polizeikasernen in neun Bundesländern. Oder besser gesagt: Wir wollten sie besuchen. Denn außer im hessischen Wiesbaden, wo mehr als 100 Polizisten in den Container stiegen, standen wir vor verschlossenen Toren. Die Innenministenen aller anderen Länder hatten mit einem Erlaß reagiert, die Ausstellung nicht auf das Gelände von Polizeieinrichtungen zu lassen. Offensichtlich wußten sie also, was wir in unserem Container zu zeigen hatten. Aber das konnte man doch seinen Polizisten unmöglich zumuten. "Eine Verunsicherung der Polizeikräfte....(durch die Greenpeace-Austellung)...kann ich aus beamtenrechtlichen Fürsorgegründen nicht zulassen", schrieb etwa Dr. Schattke vom Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern.

Wir haben zumindest auf unserer Tour auch etwas gelernt: Die Hüter der Demokratie haben offenbar selbst kein Recht auf demokratische Behandlung.


Bearbeitet am: 26.1.96 (Jobname: GREENP)