Vortrag von Dr. Alexander Ruchlia, Botschafter der Republik "Belarus" in Bonn am 7.3.1995 im Reg.-Gebäude "Wasserwerk".

Botschafter berichtet über radioaktive Verseuchung

Tschernobyl und die Folgen aus den Augen eines Betroffenen

Referat von Dr. Alexander Ruchlia, Botschafter der Republik "Belarus" in Bonn am 7.3.1995

Im Ergebnis der Tschernobylkatastrophe, bei der Explosion des Reaktors wurden mehr als 4 Tonnen des radioaktiven Brennstoffs mit der Radioaktivität von etwa 10 hoch 18 Bequerel der Radionuklide Jod, Caesium, Cerium, Barium, Strontium u.a, freigesetzt. Die Republik Belarus hat etwa 70% davon abbekommen.

In den ersten Tagen nach der Katastrophe wurde praktisch überall in der Republik wurde eine enorme Erhöhung der Radioaktivität (um das 10-100000-fache) registriert. Besonders gefährlich wegen aktiver Beteiligung an den biologischen Ketten war J-131.(s.g.J-Schlag)

Heute verursachen die radioaktive Verseuchung des Territoriums der Republik Belarus vor allem Cs-137, Sr-90, Pu-239,240.

Das Territorium, wo Cs-Verseuchung 37 kBq pro qum übersteigt, beträgt in RB 46,45 Tausend qukm.(22/) Man muß dabei sagen, daß vor der Katastrophe die Verseuchung durch diese Isotope (von den Globalniederschlägen) in Belarus 1,5-1,9 kBq pro qum. betrug.

Verseucht sind 18 Tausend km2 der Ackerflächen und 2,64 Tausend km2. sind aus der landwirtschaftlichen Nütztung ausgeschloßen. 1,3 Tausend km2. des Territoriums im Süden sind auf ewig wegen der Pu-Kontaminierung aus der Nützung für Landwirtschaft ungeeignet.

Verseuchung der Luft.

In den ersten Tagen nach der Katastrophe stieg die Verseuchng der Luft praktisch auf dem ganzen Territorium von Belarus um einige Hunderttausendfache an. So war z.B. die Plutonoum-Konzentration in der Luft im Norden der Republik um 200 000 fach größer als normal.

Die durchschnietliche Jahreskonzentration von Caesium - 137 im Jahre 1986 war in Choiniki (70 km vom Reaktor entfernt) 3,2 mal 10 hoch -2 Bq/m.cub. in Minsk - (340 km) 3,8 mal 10 hoch -3 Bq/m.cub. Vor der Havarie lagen diese Werte unter 10 hoch -6. Erst ab Ende Mai 1986 fing die Selbstdekontaminierung der Luftatmosphäre an. Diese Selbstdekontaminierung der Luft geschieht sehr langsam: bei Pu 14,2 Monate, bei Caesium 25-30 Monate.

Heute, fast 10 Jahre nach der Katastrophe, wird in den verseuchten Gebieten immer noch eine Kontaminierung der Luft registriert, besonders während der Ackerarbeiten. Das bedeutet, daß die Migration der Radionuklide auch heute stattfindet.

Besonders stark wurde die Luft während der großen Waldbränden im Sommer 1994 belastet.

Im Jahre 1995 war die durchschnitliche Verseuchung der Luft in der Stadt Minsk um das 10-fache höher als 10 Jahre zuvor.

Wasser

Am meisten wurden die Einzugsgebiete der größten Flüsse der Republik Belarus Dnepr, Sosh und Pripjat verseucht.

Vor der Havarie war die Aktivität von Sr-90 und Cs-137 im Wasser des Pripjat entsprechend 0,003 und 0,006 Bq/l. In den ersten Tagen nach der Katastrophe betrug die gesamte ß- Aktivität 3000 Bq/l und nur im August 1986 ging diese herunter auf 10 Bq/l.

Die größten Sr-90 Aktivitäten (von 1,5 bis 2,7Bq/l) werden heute in Pripjatj und in kleinen Flüßen Braginka, Shelon u.a. (in s.g. Todeszone) registriert. In diesen Flüssen ist auch Cs-137 Konzentration um das 1000 - fache größer als vor der Havarie.

Cs-137 wird im Wasser als unlösliche Teilchen nachgewiesen, und seine Konzentration steigt sehr stark bei Uberschwemmungen. Sr- 90 befindet sich im Wasser im löslichen Zustand.

Sehr viel Aktivität befindet sich im Bodensehlamm, als "heisse Teilchen".

In Sümpfen findet sich eine viel höhere Konzentration der Radionukliden als in Flüssen an.

Die Verseuchung des Grundwassers wurde bis 1989 nicht registriert. Erst in den letzten 2-3 Jahren wurde festgestellt, daß die Verseuchung des Grundwassers in kontaminierten Gebieten um das 10-100 fache größer geworden ist. (Transferfaktoren)

Der Boden, Flora und Fauna

Der Boden ist nach dem Reaktorunglück zu einem Speicher geworden, in dem die Radionuklide sich akkumulieren und lange festgehalten werden. Heute ist der Boden die Hauptquelle für das Eindringen von Radionukliden in verschiedene Komponente der Biosphäre.

Die Verseuchung des Bodens in Belarus ist sehr unregelmäßig. Die maximale Kontaminierung stellt man in der "Todeszone" fest ( Cs-137 - 55000 kBq/qum. Sr-90 600 kBq/qum. Pu - 239,240 - 150 kBq/qum). Aber auch 200 Km von Tschernobyl entfernt gibt es Flecken mit sehr hoher Verseuchung ( Cs-137 2000-5000 kBq/qum.)

Cs und Pu befinden sich in der oberen Schicht desBodens, Sr durch seine Löslichkeit kann man auch in der Tiefe fixieren.

Die Radionuklide werden aus dem Boden durch die Pflanzen, Kräuter, Pilze aufgenommen. Für einige Pilzarten wird die Cs-Verseuchung auf den Territorien mit 7 kBq/qum. größer, als zulässige Grenzwerte. Als "unverseucht" gelten Gebiete mit 37 Kbk/m.qu.

Sehr stark (um das 500-5000 fache mehr als vor der Havarie) ist das Fleisch von Wild und Fischen in südlichen Regionen kontaminiert. Bei einigen Wildarten in der Todeszone wurden Reproduktionstörungen, genetische, hämatologische und andere biologische Veränderungen festgestelt. Die Struktur der Verteilung und Zahl der Wildarten in den verseuchten Gebieten haben sich stark verändert.

Die radioökologische Situation in der Republik Belarus ist sehr kompliziert, ungleichmäßig und stellt eine große Gefahr für die Gesundheit der Menschen dar.

Wirtschaftliche Folgen

Die der Republik Belarus infolge der Tschernobylkatastrophe entstandenen Verluste betragen etwa 32 Jahresetas (1991).

Am meisten wurde die Landwirtschaft betroffen. Allein die direkten Verluste durch Stillegung von Ackerflächen werden bis 2015 15,2 Mlrd. Doll betragen. Die Verluste der Forstwirtschaft werden auf etwa 4 Mlrd Doll eingeschätz;t.

Der Gesamtverlust für die Republik Belarus wird auf 220 Mlrd Doll geschätzt, aber es gibt auch andere Einschätzungen, denen zufolge diese Summe um das 3fache größer ist. ;

Gesundheitliche Folgen

Heute leben in veseuchten Gebieten 1840668 Menschen, darunter 483851 Kinder. Davon lebenin Regionen mit einer Belastung von 37-185 kBq/qum 1485193 (395399 Kinder), 185-555 kBq/qum - 314193 (78721), 555-1480 kBq/qum. 41282(9821).

Insgesamt wurden nach der Reaktorexplosion in Belarus 130 000 Menschen aus den am stärksten belasteteten Gebieten umgesiedelt (davon im Jahre 1986 24,7 Tausend).

Die Belastungsdosis der Bevölkerung wurde im April Mai 1986 vor allem durch J-131 und danach hauptsächlich durch Cs-137 und Sr-90.

Da Belarus ein Gebiet mit ausgeprägtem J-Mangel, wurde das radioaktive J sehr rasch durch die Schilddrüsen der Menschen, besonders von Kindern, aufgenommen. Das hat dazu geführt, daß fast 30% der Kinder in der Republik Belarus heute an Schilddrüsenkrankheiten leiden. Das sind Hyper- oder Unterfunktion, Erweiterung oder Unterentwicklung der Schilddrüse aber auch Schilddrüsenkrebs. Wurde vor der Katastrophe in Belarus durchschnitlich 1 Fall von Schilddrüsenkrebs bei Kindern registriert, so haben wir innerhalb der letzen 9 Jahren 478 derartige Fälle. Und diese Fälle sind aufgrund der Metastasenbildung viel schwieriger als vor 86.

Um das 3-5- fache hat in den kontaminierten Regionen die Bildung von bösartigen Tumoren in Nieren, Harnblasen, Lungen, Milchdrüsen sowie Knochenkrebs zugenommen.

Der Zuwachs der Häufigkeit der Krankheiten bei den Einwohner des Gebites Gomel nach der Katastrophe beträgt 54,7%.

Einige Krankheiten, wie Diabetis, Ischemische Herzkrankheit, Kreislaufkrankheiten, die früher für die ältere Menschen charakteristisch waren, kommen heute schon bei Kindern vor.

Durch die zytogenetische Untersuchungen wurde nachgewiesen, daß bei den neugeborenen Kinder in verseuchten Gebieten genetische Störungen auftreten. Wenn die Zahl der Mißbildungen in nichtkontaminierten Regionen in den letzten 10 Jahren um das 1,2-fache angestiegen ist, so beträgt dieser Zuwachs-faktor in Zonen mit 555 kBq/qum 1,8.

Die Zahl der wegen befürhteter genetischer Schäden Tschernobyl-indizierten Abtreibungen ist in Belarus von 261 im Jahre 1991 auf 523 im Jahre 1994 angewachsen.

Die Untersuchungen zeigen, daß wir heute erst den Anfang der genetischen Problemen sehen und diese noch über Generationen auf uns zukommen werden.

Fast 50% der Kinder in den Gebieten Gomel und Mogiljow leiden an Immunsystemschwäche. Das führt zu einer Zunahme der Entzündung-, Autoimmun-, allergischen, onkologischen und anderen Krankheiten.

Bei vielen Kinder in verseuchten Regionen stellt man Blutkrankheiten fest. Fast 50% der Kinder im Alter bis 12 Monaten in diesen Regionen weisen niedrige Hämoglobinwerte auf. 25% der Kinder leiden an mittleren oder schweren Anämien. Die Zahl der Leukämien in Tschernobylregionen ist deutlich größer als durchschnittlich in der Republik.

Sehr wichtig sind Erholungsmassnahmen

512 tausend Kinder braucnen jährlich die Erholung, doch der Staat kann derzeit nur für weniger als die Hälfte von ihnen einen Erholungsaufenthalt finanzieren.

Projekt "Nadeshda"

Wurde im Jahre 1992 gegründet.

Im Sommer 1993 wurden die ertste Bauarbeiten angefangen und im September 1994 wurden die ersten 60 Kinder aus verseuchten Regionen aufgenommen.

Heute sind im Zentrum 170 Kinder und es ist geplannt die Kapazität bis zu 300 Kinder zu erweitern.


Bearbeitet am: 11.1.96 (Jobname: REFERAT)