Dokumentation vom Strafanzeigen gegen die Deutsche Bahn AG und das BfS, Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter (CASTOR-Transport v. 8. 5. 1996)

Grenzwerte für Neutronenstrahlung beim CASTOR-Transport erheblich überschritten

Polizisten und Demonstranten Strahlenverseucht?

Staatsanwaltschaft soll gegen Deutsche Bahn AG und Bundesamt für Strahlenschutz ermitteln

Die BI Lüchow-Dannenberg hat kurz vor dem letzten CASTOR-Transport im Mai 1996 Strafanzeige gegen das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Deutsche Bahn AG, Abteilung Ladungsverkehr bei den jeweils zuständigen Staatsanwaltschaften in Braunschweig und Darmstadt wegen des Verdachts auf menschengefährdende Freisetzung von Strahlungen gestellt. Nach den Berechnungen der BI-Experten von der "Fachgruppe Radioaktivität" wurden die nach der bisher gültigen Strahlenschutzverordnung festgelegten Grenzwerte um bis zum 15-fachen überschritten. Besonders Polizeibeamte und Demonstranten, die schräg vor dem CASTOR-Behälter standen oder liefen, sind nach den Berechnungen der BI-Experten massivst der Neutronenstrahlung ausgesetzt gewesen: Abschirmungen gegen diese gefährlichste aller Strahlungen sind nach Erkenntnis der BI an wesentlichen Punkten schlichtweg nicht vorhanden, bzw. wirkungslos. Bisher allerdings schweigen beide Staatsanwaltschaften noch still.

Obwohl gemäß den in der Öffentlichkeit verbreiteten PR-Erklärungen der Atomindustrie und des dem Bonner Umweltministeriums direkt unterstellten BfS angeblich zu keinem Zeitpunkt die gültigen Grenzwerte überschritten sein sollten, wurde Monate nach dem CASTOR-Transport versucht, die Personalien der begleitenden Polizeibeamten zu ermitteln, und deren Beteiligung am Transportschutz in der Personalakte festzuhalten. Anzeichen dafür, daß wohl auch von der Polizeiführung mittlerweile erkannt worden ist, daß die ach so "ungefährliche" Ladung des CASTOR-Transports doch gefährliche Folgen für Mann und Weib in der Polizeitruppe haben könnte.

Im Herbst 1996 fand in Hannover eine Podiumsdiskussion mit der Gewerkschaft der Polizei (GdP) statt, auf der auch der Marburger Professor Kuni anwesend war, der im Sommer 1995 bereits errechnet hatte, daß die aktuellen Grenzwerte der Stahlenschutzverordnung bezüglich der Neutronenstrahlung um den Faktor 30 zu niedrig angesetzt sind. Eine Frage aus dem Publikum, wie man sich als Demonstrant am Besten gegen diese tödlichen Strahlen schützen könne, beantwortete der Nuklearmediziner sinngemäß trocken:

"Achten Sie darauf, daß sich immer möglichst mehrere Reihen Polizisten zwischen Ihnen und dem CASTOR-Behälter befinden. Diese sorgen mit ihren Körpern für eine wirkungsvolle Abschirmung gegen Neutronenstrahlung. Nur Wasserstoffatome, und hier die im Körper der Polizisten, können die sonst alle Materie durchdringende Strahlung einfangen und damit abbremsen".

Was auf der einen Seite mit im Gesicht erstarrenden Gelächter quittiert wurde, sorgte auf der anderen Seit doch für deutliche Unruhe. Nicht erst seit der gehäuft auftretenden Anzahl von Leukämiefällen im Bereich des AKW Krümmel in Schleswag-Holstein sind die Auswirkungen von radioaktiver Niedrigstahlung in Verdacht geraten, für deutlich ansteigende Krebsraten verantwortlich zu sein. Besonders nach der Freigabe der Ergebnisse von Untersuchungen der Atombomben-Abwürfe von Hiroshima und Nagasaki ist anhand der statistischen Auswertung der Opferzahlen festgestellt worden, daß das bisher angenommene Gefahrenpotential erheblich unterschätzt wurde, und die sich bisher daraus errrechneten Grenzwerte für radioaktive Niedrigstrahlung viel zu gering angesetzt worden sind.

Auch die internationale Kommission, die für die Festsetzung von Richtlinien für nach wissenschaftlichen Erkenntnissen "zumutbare" Grenzwerte zuständig ist, hatte bereits von etlichen Jahren deutlich niedrigere Grenzwerte festgelegt, als sie in der derzeit noch gültigen Strahlenschutzverordnung zurechtgezurrt wurden. Aber auch ohne die neuesten Erkenntnisse nach Freigabe der "Ergebnisse" des völkermordenden "Feldtests" von Nuklearwaffen am Ende des II. Weltkriegs hatten die atomfreundlichen internationalen Strahlenschützer bereits deutlich höhere Grenzwerte festgezurrt. Allein die deutschen Gesetzgeber sitzen die längst erforderliche Anpassung ungerührt aus.

Das Braunschweiger "Bundesamt für Strahlenschutz" mißversteht die ihm laut Atomgesetz zugewiesene Verantwortung völlig: es schützt die Strahlen vor dem Bürger anstatt umgekehrt!

Laut Prof. Kuni zieht der CASTOR rechts und links der Transportstrecke eine "300 m breite Schleppe des Todes" nach sich. Gemäß dem BfS und der Gorlebener BLG, der "Brennelemente Labergesellschaft" hingegen liegt die CASTOR-Strahlung kaum über der "natürlichen Radioktivität" der Tschernobyl-verseuchten Gorlebener Umgebung - und damit "natürlich" weit niedriger als es die veralteten Grenzwerte zulassen.

Merkwürdig stimmt allerdings, daß auch auf mehrfache Anfragen der BI-Experten weder vom BfS, noch von der BLG, noch vom Niedersächsischen Umweltminsterium unter der Leitung der ex-Greenpeace-Sozialdemokratin Monika Griefahn bisher die Meßwerte verfügbar gemacht wurden, die an ganz konkret bezeichneten Stellen am Gorlebener Glaskokillenbehäter "TRS 28 V" ermittelt worden sind...

Da zu befürchten steht, daß die beiden Staatsanwaltschaften, genau wie die BI nicht über die entsprechenden Meßergebnisse informiert wird, und daher die Akten schlichtweg ergebnislos schließen werden, dokumentieren wir an dieser Stelle die - zugegebenermaßen für den Laien etwas trockenen - Strafanträge mit den entsprechenden technischen Berechnungen.

Was allerdings dabei auch dem Laien deutlich wird, ignorieren die "Experten" des Atomstaates bereit seit Monaten: schräg links und rechts vor dem CASTOR-Behälter werden alle derzeit gültigen Grenzwerte um bis zu dem Faktor 15 überschritten!!!


(C) Fachgruppe "Radioaktivität" der BI Umweltschutz
(Dipl.-Ing. H. Messerschmidt, Lüchow)


Dieter Metk, 27. 12. 1996