Mit alternativer Energie gegen die Atommafia

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Windkraft gegen den CASTOR

Als am 8. Mai 1996 ermüdete und von Wasserwerfern durchnäßte Atomkraftgegner völlig resignert nach der Blockade des CASTOR-Transports vom Zwischenlager Gorleben nach Lüchow zurückkehrten, wurden sie eines doch positiven Zeichens gewahr: "Wendolina", die erste Windkraftanlage des Wendlands, drehte sich mit vollen Flügeln!

"Atomkraft - nein danke", die bekannte Anti-AKW-Sonne leuchtete hell in den ansonsten finsteren Tag, und konnte damit auch die Gemüter der frustrierten Blockierer ein wenig aufmuntern: Ihr könnt uns doch nicht völlig fertigmachen, Schrittchen für Schrittchen gehts voran! 'Wir spucken Euch eben doch in die Suppe, bis Euch der Atommüll im Hals stecken bleibt', so lautete das Signal.

Eigentlich sollte "Wendolina", so wurde die Windkraftanlage der "Wendland-Wind"-Macher getauft, ja schon zu Ostern umweltfreundlichen Strom erzeugen - allerdings hatte das örtliche EVU, die HASTRA, sich mit dem Aufstellen der Stromübergabestation so viel Zeit gelassen, daß die Windmühle über zwei Monate stillstehen mußte. Die Inbetriebnahme just am CASTOR-Transporttag ergab sich dann aber ebenso zufällig, wie sie symbolträchtig wurde.

Euphorie und starke Nerven

Über vier Jahre hatte es bis dahin gedauert, bis aus dem Wunsch, auch aktiv Zeichen gegen die Atomenergie zu setzen, und Wind- statt Atomstrom zu produzieren, Wirklichkeit werden konnte. Angefangen hatte alles mit einer Idee im Kollektiv des alternativen Gast- und Tagungshauses in Meuchefitz, angesichts der hohen Stromrechnungen und des stetigen Winds im Wendland vielleicht mit einer kleinen Windkraftanlage den eigenen Strom einzufangen. Direkt neben dem Haus, so die Vorstellung, sollte ein kleines Windrad aufgestellt werden.

Mit voller Energie stürzte man sich in das Projekt, besorgte sich Unterlagen der verschiedenen Hersteller, verglich, holte Windgutachten ein, und begann, sich mit Wirtschaftlichkeit, Finanzierbarkeit und behördlichen Auflagen vertraut zumachen.

Sehr bald mußte Ernüchterung der anfänglichen Euphorie Platz machen: Eine kleine, an den eigenen Strombedarf angepaßte Anlage wäre im Verhältnis viel zu teuer, und würde direkt in Dorfnähe auch nicht den behördlichen Segen bekommen.

Damit war aber dem Tatendrang der Wendländer kein Ende gesetzt. Warum, so die Frage, sollte eigentlich nicht eine dem technischen Standard entprechnede "große" Anlage aufzustellen sein? Da waren erstmal die Kosten: Rund 1,2 Mio. DM, so die ersten Einschätzungen, müßten aufgebracht werden - eine Summe, die die Vorstellungskraft des Meuchefitzer Gaststätenkollektivs bei weitem überstieg.

Aber ist es denn immer erforderlich, alles im kleinen Zirkel zu realisieren? Warum sollten sich nicht die ortsansässigen Landwirte und die zugereisten Städter, die vielleicht über einen besser bestückten Geldbeutel verfügen, an der umweltfreundlichhen Stromproduktion mitbeteiligen?

72 Kommanditisten als Finanziers

Erste vorsichtige Nachfragen im Bekanntenkreis machten Mut: Das Interesse, sich mit einigen 1000 DM zu beteiligen, signalisierten die Befragten, war vorhanden.

Also wurde das Projekt nach "kapitalistischen" Gesichtspunkten neu durchdacht. Das Modell einer "GmbH & Co. KG", der üblichen Rechtsform einer "Abschreibungsgesellschaft" wurde als geeignet für die alternative Energiegewinnungfirma angesehen, und sogleich eine GmbH als "Mutter" und persönlich haftende Gesellschafterin der späteren GmbH & Co. KG gegründet. Gesellschafter waren die Meuchefitzer Gaststätte sowie 7 weitere WendländerInnen, darunter Maschinenbaustudies, eine Hausfrau und "Grüne" Kommunalpolitikerin, ein Postler, ein Zimmermann - ein bunter Querschnitt des Wendischen Widerstands!

Nach Gründung der GmbH und damit einer funktionsfähigen Geschäftsführung konnte das Projekt auf die richtigen Gleise geschoben werden, konkrete Angebote bei den führenden Herstellern eingeholt, offizielle Baugenehmigungen beantragt, Finanzierungsmodelle mit den Banken durchgerechnet werden.

Lärm wie von Düsenjets?

Parallel begann die Öffentlichkeitsarbeit: Vorurteile, von den Energiemultis mit Freuden kolportiert, daß Windenergieanlagen "so laut wie startende Düsenflugzeuge" wären, und die Flügel massenhaft Vögel erschlagen würden, mußten widerlegt werden. Nicht gegen, sondern mit den Anwohnern, so die klare Zielvorstellung, sollte die erste wendische Mühle, als Zeichen gegen die Atompolitik, errichtet werden.

Mehrere Besichtigungsfahrten zu den Standorten an der Nordseeküste bewiesen auch dem kritischsten Skeptiker: Von Düsenlärm war wirklich nichts zu hören, und von Windmühlenflügeln erschlagene Vögel waren bei keiner der besichtigten Anlagen aufzufinden.

Zuschüsse gestrichen

Auch mit der Standortwahl ging es zügig voran; Windgutachten ließen einen ausreichenden Stromertrag erwarten, die HASTRA war bereit, den umweltfreundlichen Strom auch ins Netz zu speisen, Zuschüsse aus Landesmitteln waren zwar nicht mehr in voller Höhe der ursprünglich kalkulierten 250.000 DM zu erwarten, aber immerhin trotz der leeren Kassen noch mit etwa 100.000 Mark einzuplanen. Auch die Baugenehmigung war schließlich erteilt, und die Finanzierung mit den Banken geklärt, sowie etwa 400.000 DM an "Eigenkapital" bei über 70 Komanditisten, hauptsächlich von den wendischen Einwohnern in 5000-Mark-Häppchen zusammengesammelt - es hätte losgehen können!

Verzögerung durch Standortwechsel

Dann aber kam der Rückschlag, und gleich mehrfach: Ein Grundstücksnachbar am geplanten Standort wollte seine Zustimmung nicht geben, ein Verschieben der Mühle um die notwendigen 100 Meter war nicht möglich, da die Flügel sich dann innerhalb eines Sicherheitskorridors einer Richtfunkstrecke der Telekom drehen würden.

Für den parallel eingeplanten Alternativstandort, gerade mal 3 km vom ursprünglichen entfernt, wollte die Baubehörde den bestehenden Baugevorbescheid nicht gelten lassen, und bestand auf einen neuen Bauantrag: alle Unterlagen, Baugrunduntersuchungen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen etc. mußten erneut eingereicht werden, neue Gebühren standen an. Die Mühlen der Behörden begannen erneut zu mahlen, langsam und bedächtig.

Wenn eine Behörde dann erstmal zu arbeiten beginnt, dann aber gründlich - im Gegensatz zu den Gorlebener Atomanlagen könnte eine Windkraftanlage ja eventell gefährliche Auswirkungen für die Umwelt haben... Der für den vorherigen Standort erteilte Bauvorbescheid, stellte man im Lüchower Kreishaus fest, hätte damals so gar nicht erteilt werden dürfen, ohne Aufstellung eines Flächennutzungsplans und ohne Bebauungsplan!

20.000 DM für Flächennutzungsplan

Man muß schon sehr gründlich planen, wenn es um gefährliche Windkraft geht, bedeutet der Bau doch einen "Eingriff in Natur und Landschaft", der entsprechend auszugleichen sei; und müsse nicht sogar ein Raumordnungsverfahren als übergeordnetes Planungsinstrumentarium eingeleitet werden?

Für die Aufstellung eines Flächennutzungsplans ist die Samtgemeinde zuständig, die allerdings kein Geld für die voraussichtlichen Kosten von 20.000 DM hat - man bürdet diese Summe also einfach den zukünfigen Windmüllern auf...

Eine absolut unübliche und rechtlich fragliche Herangehensweise, wenn hoheitliche Planungsaufgaben privatwirtschaftlich finanziert werden sollen. Kann Planung zukünftig nur noch dann stattfinden, wenn finanzkräftige Geldgeber diese bezahlen? Aber: Gründliche Planung muß sein, das zeigen doch die Gorlebener Atomanlagen, wo man doch, wie AKW-Gegner ins Feld geführt haben, viel zu wenig auf die Sorgen der Anwohner eingegangen ist! Und schließlich werden ja auch Arbeitsplätze gesichert!

So in Lüchow, wenn beispielsweise hochbezahlte Verwaltungsangestellte einen Tag lang im Auto in der Gegend herumfahren, um festzustellen, bis wohin man die Lufballons, die man zuvor am geplanten Windstandort bis auf 100 m Höhe steigen ließ, sehen kann...

4000 Bäume als "Ausgleichsmaßnahme"

Solch ein Schabernack hat dann leider noch weiterreichende finanzielle Folgen: Für geschätzte 40.000 DM, so eine Auflage in der späteren Baugenehmigung, müssen über 4000 Büsche und Bäume an genau vorgeschriebenen Standorten angepflanzt werden, um den "Eingriff in Natur und Landschaft" der Windmühle zu kompensieren: als Sichtschutz bis zu mehreren Kilometern Entfernung!

Wer Windanlagen im Wendland bauen will, ist Überzeugungstäter, und läßt sich auch durch solche beamteten Schildbürgerscherze nicht entmutigen. Doch nervtötend ist es schon, wenn man fast täglich im Dschungel der Verwaltungsbüroktatie herumirren muß, immer auf der Suche nach dem gerade Zuständigen, von Pontius zu Pilatus geschickt wird, und selbst die Aufgabe der Hauspost übernehmen muß, damit entsprechend gegengezeichnete Vorlagen nicht über eine Woche benötigen, um von einem Stockwerk zum anderen zu gelangen...

Ist nun nach über einem Jahr endlich im Dezember 1995 die Baugenehmigung in den Händen, und kann tatsächlich in den Nähe der Ortschaft Jeetzel, drei Kilometer von Lüchow entfernt, mit dem Aushub der Baugrube begonnen werden, zeichnet sich ein weiterer Tiefschlag ab: Die Kassen, aus denen der Fördertopf für regenerative Energieanlagen gespeist wird, sind leer, die noch erhofften gerademal 70.000 DM an Fördergeldern sind, auch wegen der so spät erteilten Baugenehmigung, nicht mehr erhältlich. Die Mittel wurden in der Reihe des Eingangs der Förderanträge bewilligt; ohne vorliegende Baugenehmigung konnte der entsprechende Antrag erst gar nicht nicht bearbeitet werden.

Man muß sich dazu mal die Relationen vor Augen halten: 50 Mio. DM hat der erste CASTOR-Transport ins Wendland gekostet, weitere 90 Mio. DM der zweite; insgesamt 20 Mio. DM standen hingegen als Fördermittel für den gesamten Anteil regenerativer Energien, also für Wind- Wasser- und Solarenergie in Gesamtniedersachsen zur Verfügung!

Und wenn man mal die bisherigen Baukosten für die geplante Atommüllkippe in Gorleben, die bisher für die "Erkundung" versalzen worden sind (1,5 Mrd. DM), im Vergleich heranzieht, hätten mit diesen Mitteln Zuschüsse für den Bau von 6000 Windkraftanlagen à 250.000 DM zur Verfügung gestellt werden können!

Winterkälte gegen Windmüller

Nachdem schließlich die behördlichen Steine für die Bau der "Wendolina" aus dem Wege geräumt waren, spielte auch noch der Wettergott den Windmüllern einen bösen Streich: der Winter war einer der härtesten und langandauernsten der letzten Jahre; Frost bis in den April hinein ließ kaum Hoffnung aufkommen, daß die Mühle sich in Bälde drehen würde.

Bei minus 10 Grad und einer steifen Brise schufteten die Eisenbieger der Fundamentfirma eine Woche lang, um die Stahlbewehrungen und die Schalung des 180 cbm fassenden Betonfundaments herzustellen; auch die "Grundsteinlegung" fand als erste "offizielle" Feierlichkeit bei ähnlich unwirtlichen Temperaturen statt. Genau in der Woche, in der die Außentemparaturen knapp den Quecksilbernullpunkt überstiegen, konnte dann endlich das Fundament gegossen werden; die Hoffnung aber, daß zu Ostern der erste Windstrom bei der feierlichen Einweihung der Anlage ins Lüchower Stromnetz fließen könnte, hatte sich dann noch zerschlagen.

Schuld war weder das Wetter, noch sonst eine nicht entdeckte Falle; allein die HASTRA kam mit der Lieferung der Übergabe-Trafostation nicht in die Pötte, überzog den vereinbarten Liefertermin um mehr als vier Wochen.

"Wer Wind säht, wird Energie ernten"

So kam es denn zu der absurden Situation daß zur Einweihung und Taufe der ersten wendischen Windkraftanlage auf den Namen "Wendolina" sich deren Flügel nicht in Bewegung setzen konnten.

Das tat der Stimmung der über 500 Festteilnehmer, die sich bei strahlendem Sonnenschein und beißendem Wind auf dem Jeetzeler Berg versammelt hatten, keinen Abbruch. Alles, was Rang und Namen hatte in der nicht nur alternativen Szene des Wendlands war gekommen, um den 72 Windmüllern, Kommanditisten und Gesellschaftern, zu "unserer und Euer" Wendolina zu gratulieren. Ein eigens auf den Jeetzeler Berg gelegter ökumenischer Festgottesdienst sorgte auch für den Segen "von oben", eine abgewandelte Schöpfungsgeschichte (... und der Herr schuf den Wind. Und er sah, daß es gut war...) in der Predigt des Lüchower Pfarrers schloß mit dem Satz: "Wer Wind säht, wird Energie ernten".

Inbetriebnahme am CASTOR-Transporttag

Noch mehrere Wochen lang durften sich die Flügel der Wendolina nicht drehen, standen als Mahnzeichen für Behördenwillkür und -Unfähigkeit für jeden sichtbar in der Nähe der Stadt Lüchow, in der sich die Polizeidichte dann von Tag zu Tag erhöhte.

Und genau am Tag des 2. CASTOR-Transports etwa zu der Zeit, als der strahlende Behälter in die Gorlebener Leichtbauhalle geprügelt wurde, setzten sich die Flügel der Windmühle das erste mal in Bewegung, begann die Einspeisung von umweltfreundlich erzeugten Strom in das öffentliche Netz!

Knapp 800.000 kWh soll die 600-kW-Anlage der Bremer Herstellerfirma AN-Bonus-Maschinenbau im Jahr erzeugen, genug, um den durchschnittlichen Strombedarf von 260 Haushalten zu decken. (Technische Daten) Und der bisherige Ertrag in den Sommermonaten läßt erwarten, daß sich die Prognosen, die der Wirtschaftlichkeitsberechnung zugrundelagen, bestätigen werden.

Zwei Wind-"Geschwister" noch in diesem Jahr

"Wendolina" wird nicht die einzige Anlage im Wendland bleiben, der Wunsch der 64jährigen Wendland-Wind-Gesellschafterin und -Geschäftsführerin Sabine Carnap , daß "sie bald zwei Geschwister bekommen wird", wird noch in diesem Jahr erfüllt: Am 9. und 10. Dezember werden in unmittelbarer Nachbarschaft zwei weitere Anlagen gleichen Typs aufgestellt werden.

100 Kommanditisten aus dem Wendland und ihre Freunde haben erneut 900.000 DM zusammengekratzt, um einen weiteren Schritt hin zur Verwirklichung des Wunschs von Dieter Schaarschmidt, unermüdlicher Aktivist im Kampf mit Baubehörden und Banken, zu tun: "Laßt 1000 Windmühlenflügel drehen".

Gudrun Scharmer, Gründungsgesellschafterin und treibende Kraft, immer wieder mit Ausdauer dabei, Mut machend in der langjährigen Planungsphase, kann diesen freudigen Tag am Jeetzeler Berg leider nicht mehr miterleben. Sie mußte diese Welt drei Wochen vor der Montage der beiden neuen Anlagen verlassen. Die drei Wendländischen Windmühlen werden sie nie in Vergessenhheit geraten lassen, der von ihr geprägte Spruch wird dem Widerstand der Atomkraftgegner weiter Kraft geben:

"Unser Kreuz steht in Gorleben
unser Stern auf dem Jeetzeler Berg"

Dieter Metk

Kontakt und Info-Material:
Wendland Wind Kraftanlagen GmbH,
Landstraße 6,
29462 Güstritz

Tel. und Fax: 05843 / 444

http://wendland-net.de/wendland-wind.