Ahaus und der Tag X

Eine Dokumentation

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Wir müssen von Ort zu Ort geben,
wie im Mittelalter, und unsere
Geschichten auf Straßen - und Plätzen
den Menschen selbst erzählen.
Wo man uns Informationen
vorenthält, da müssen wir selbst
aktiv werden, müssen laufen, geben,
reden, einer muß es dem anderen
sagen, und die Hoffnung auf eine
lebenswerte Welt muß erstarken.

Robert Jungk


Vorwort

Werter Vater Staat, wir sind diejenigen deiner Bürger, die ihre staatsbürgerliche Pflicht nicht nur darin sehen, sich alle vier Jahre an der Wahlurne von dir fragen zu lassen: "Na, wie hätten Sie's denn gern?" Wir sind der Meinung, daß es die Pflicht jedes Basisbürgers eines demokratisch regierten Staates ist, sich ständig mitverantwortlich zu fühlen für das, was politisch in unserem Land - und nicht nur da! - geschieht.

Deswegen wehren wir uns gegen die Atommüll-Transporte, die du, Vater Staat, uns aufzwingst. Denn wir wollen und können sie nicht mitverantworten. Und jetzt noch viel weniger, seit wir erfahren mußten, daß die Strahlungswerte der bisherigen Castor- Transporte in der Realität viel höher lagen als jeweils angegeben. Wir wollen unseren Nachkommen ihre Frage: "Wie habt ihr diese Transporte zulassen können?" nicht verlegen und unehrlich mit "Wir haben ja nichts davon gewußt." und Air konnten ja nichts tun." beantworten müssen. Wir wollen ihnen Rede und Antwort stehen können: ja, wir haben gewußt, was in Gorleben und Ahaus unter Staatschutz geschah!" Und: "Wir haben dagegen getan, was wir - gewaltlos - tun konnten."
Das werden wir auch weiterhin tun, Vater Staat. Denn wir sind freie Bürger und handeln, wenn wir es für nötig erachten. Wir geben an unsere Jugend die Botschaft weiter, daß die viel zu lange in unserem Land vernachlässigte Tugend Zivilcourage eine der wichtigsten Tugenden überhaupt ist, wenn es um das Zusammenleben in der menschlichen Gesellschaft geht. Große Teile unserer Jugend haben diese Botschaft bereits beherzigt.

Da wirft man der heutigen Jugend immer wieder vor, sie sei so angepaßt, sei nur an Unterhaltung und Konsum interessiert. Damit tut man ihr Unrecht. Wenn sie gebraucht wird, ist sie zur Stelle, fühlt sich mitverantwortlich, macht aktiv mit. Denken wir an die Schüler und Studenten, die zu Beginn des Golfkriegs zu Zehntausenden auf die Straße gingen und gegen den Wahnsinn dieses Krieges demonstrierten! Denken wir an die Schülerund Studentendemos der letzten Jahre gegen unseren Bildungsnotstand 1 Denken wir an Gorleben und jetzt auch an Ahaus, wo sich sehr viele junge Leute am gewaltfreien Widerstand beteiligten! Wir, deine Bürger, sitzen alle in einem Boot: Alte und Junge. Und wir denken nicht daran, kleinmütig aufzugeben!


Gudrun Pausewang, geh. 1928, schreibt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet.

Einleitung

Das Buch "DIE WOLKE" von Gudrun Pausewang, der wir auch für ihr Vorwort zu dieser Dokumentation danken, trägt den Untertitel:

Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst."
Dies trifft (nicht erst, aber spätestens) seit Tschernobyl zu - vor allem im Blick auf die Gefahren und das menschenverachtende Reden von einem "Restrisiko".

Dagegen haben vor allem erst die Proteste gegen die Castor-Transporte nach Gorleben - und jetzt eben auch nach Ahaus - die Lügen von einem bereits bestehenden "Entsorgungskonzept" für den mehrere hunderttausend Jahre strahlenden Atommüll aufgedeckt.

Gerade aber die jüngsten Skandale um skrupellose Machenschaften innerhalb der Atomwirtschaft, die wegen einer verfehlten Energiepolitik von vielen Seiten unterstützt und gedeckt worden sind, lassen jeglichen Glauben an Zuverlässigkeit und Sicherheit schwinden.

Darüber hinaus haben viele jetzt im März erstmalig oder auch erneut die Lügen über einen angeblich gewalttätigen Anti-Atorn-Widerstand erkannt und die Schatten eines drohenden Atom- und Polizeistaates erlebt und erlitten.
Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst."

Eine Polizeibeamtin aus Wuppertal erklärte in einem Gespräch: "Ich habe meinen Schlagstock nicht einmal in der Hand gehabt, denn das war nicht nötig. Wir standen manchmal daneben und haben uns gefragt "WAS PASSIERT HIER?"

Dies ist wohl auch die Frage dieser Veröffentlichung: "Was passiert hier?" - "Was passierte hier?" - "Was soll das?"

Was soll das?
30.000 Polizistinnen schützen den Castor-Transport.

Was soll das?
Weiträumige Versammlungsverbote.

Was soll das?
Herbeireden von Chaoten und Gewalttätern.

Was soll das?
Unrechtmäßige Campräumungen.

Was soll das?
Mehr als 600 Menschen in Gewahrsam.

Was soll das?
Gefangenensammelstellen als rechtsfreie Räume.

Was soll das?
Vermummte Polizeieinheiten mit Schlagstöcken gegen friedliche Demonstranten.

Was soll das?


Diese Reibung ließe sich (leider) noch lange fortsetzen.
Trotzdem erklärte der Polizeisprecher Walther Schmitz, dass der Zug nach rund 17stündiger Fahrt im Lager angelangt sei - "ohne größere Zwischenfälle!"

Ohne größere Zwischenfälle? Was soll das?


Die vorliegende Dokumentation soll aufzeigen, dass es tatsächlich eine große Anzahl von "Zwischenfällen", von "nennenswerten Zwischenfällen" gegeben hat, die vielleicht nur zur Sprache gebracht werden können, wenn wir alle "von Ort zu Ort gehen" und darüber reden.

Diese Einsicht hat auch uns vier als Redaktionsteam zusammen- und an die Arbeit gebracht.
Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir all das, was wir am Tag X in und um Abaus beobachtet, erlebt und auch erlitten haben und was durchaus wert ist, benannt zu werden, dokumentieren können.

Wir wollten und konnten keine lückenlos dokumentierte Zeitgeschichte veröffentlichen, haben aber unsere eigenen Beobachtungen und Erlebnisse (z.B. auch in der Gefangenensammelstelle in Münster) ergänzt durch viele, sehr unterschiedliche Erfabrungsberichte.

Auch eine sehr gut besuchte Veranstaltung in der Stadthalle in Ahaus zur Aufarbeitung des Tages X" hat mit dazu beigetragen, Licht in das wohl offensichtlich von Politik und Polizei gewünschte Dunkel des Tages X zu bringen.
Wir danken an dieser Stelle all denen, die ihre Erfahrungen aufgeschrieben und damit dieses Projekt unterstützt und ermöglicht haben.

Die Berichte und Stellungnahmen sind z.T. so persönlich, dass wir sie - auch zum Schutz der Berichtenden - alle ohne Namensnennung veröffentlichen. Anonyme Zuschriften und entsprechende Interneteinträge haben wir dagegen aber bewusst nicht mit aufgenommen.

Die VerfasserInnen aller hier auszugsweise oder vollständig abgedruckten Beiträge sind uns namentlich und zum Teil auch persönlich bekannt.
Sicher wird (trotz der 100 Seiten!) schnell der Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit hörbar werden. Sicher hat es auch eine große Anzahl von Polizeieinsätzen gegeben, die vergleichbar mit den Erlebnissen der hier zitierten Beamtin aus Wuppertal
gewesen sind.
Wir sind aber der Überzeugung, dass wenn von Verantwortlichen in Politik und Polizei die Grundrechte geachtet werden, die Polizei sich rechtmäßig und damit auch verhältnismäßig verhält, dass all dies nicht besonders erwähnt werden muss - oder sind die Verhältnisse schlimmer, als wir denken?
Bei unserer Arbeit haben wir uns gegenseitig kennen und schätzen gelernt und vor allem die Erfahrung gemacht, dass es hilft, über das Unglaubliche, aber eben doch Erfahrene zu sprechen, dass dies neue Kraft, Mut und Entschlossenheit schenkt.

Deshalb haben wir auch die Einzeldokumente - von Zeitungsausschnitten, über Zitate, ganze Briefe und verschiedene Fotos - so zusammengestellt, dass sie zu Gesprächen, zu Rückfragen auch an eigene Erinnerungen anregen, dass sie neugierig machen, andere Betroffene zu fragen, und mutig werden lassen, die Verantwortlichen zur Rede zu stellen.

Darum haben wir die Leserin und den Leser nicht an die Hand nehmen wollen, keine langen Erklärungen, Erläuterungen und Kommentare hinzugefügt, sondern das Anstößige so aufbereitet, dass es frag-würdig wird.
Dass all die hier aufgeworfenen Fragen eines Tages vielleicht besser beantwortet werden als in dem peinlichen und fast schon nicht mehr zitierfähigen Brief aus dem Innenministerium, ist in einer Demokratie Aufgabe für alle Bürgerinnen und Bürger.

Hierzu möchten wir beitragen, indem wir die Leserinnen und Leser ermutigen:

"Jetzt x-tra."


Ingrid - Maria - Mechthild - Werner


Preis: 15 DM (plus 5 DM Porto+Verpackung)

Zu beziehen ist dies Broschüre beim Herausgeber:

Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus"
Postfach 1165
48683 Ahaus
Tel. 02561/961791 - Fax 02561/961792

Redaktion: Mechthild Bettmer-Liebermann, Ahaus Maria Brunneke, Ahaus Ingrid Lowin, Düsseldorf Werner Lowin, Düsseldorf
Fotos: Werner Lowin, Hacky/Transparent, Köln; Burkhard Röttger; Norbert Stöcker
Gestaltung:
Maria Brunneke, Ahaus
Druck: Schaten, Ahaus
Ahaus, im Juni 1998

 

 

 

Bearbeitet am : 17.11.1998 /ad


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