Die Gruppe Ökologie hat im Rahmen ihrer Veröffentlichungen die Broschüre 

Dezentrale Zwischenlager

erstellt, die wir Ihnen hier vorstellen möchten.

Ein Zwischenlager im Emsland ?!?

Ende November 1998 gaben die Betreiber des Kernkraftwerkes Emsland (KKE) die Planung eines Brennelementzwischenlagers am Standort des Kraftwerkes bekannt. Dieses Vorhaben wurde von einigen, den Regierungsparteien angehörigen PolitikerInnen, begrüßt. Diese überwiegend unkritischen Stellungnahmen verwundern angesichts des vorgesehenen Genehmigungsantrages und der bisherigen Sicherheitskritik an den Lagern in Ahaus und Gorleben. In der vor den Bundestagswahlen veröffentlichten „Entsorgungs"-Studie der Gruppe Ökologie im Falle eines Ausstiegs aus der Atomenergienutzung wurde ebenfalls eine dezentrale Zwischenlagerung vorgeschlagen. Die Errichtung dieser Lager ist jedoch an Bedingungen geknüpft, die im Planungsfall KKE keine Rolle spielen. Daher ist dieses Lager in seiner vorgesehenen Form, trotz der Einsparung der Transporte, aus meiner Sicht abzulehnen. In diesem kurzen Beitrag möchte ich versuchen, unsere Anforderungen deutlich zu machen.

 Nach den Bundestagswahlen und der Verabschiedung eines Koalitionsvertrages zwischen den neuen Regierungsparteien gaben die Betreiber des KKE die Planung für den Bau eines Zwischenlagers für bestrahlte Brennelemente am Standort in Lingen bekannt. Die in diesem Atomkraftwerk entstandenen bestrahlten Brennelemente sollen in sogenannten Transport- und Lagerbehältern zwischengelagert werden. Die Kapazität der Lagerhalle soll 120 Stellplätze betragen und würde damit für die Brennelemente aus ca. 30 Reaktorbetriebsjahren reichen. Bis zur Inbetriebnahme des Zwischenlagers (die Betreiber gehen von 3 Jahren Verfahrensdauer aus) sollen noch zwei Transporte von Brennelementen zur Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield (GB) zur Erfüllung der Altverträge, aber keine Transporte in ein zentrales Zwischenlager durchgeführt werden. 

In PolitikerInnen-Kreisen (SPD und B90/Grüne) wurde die Ankündigung des neuen Zwischenlagers begrüßt und ein Einschwenken auf die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Politik vermutet. In der Gruppe Ökologie ist nicht bekannt, welche Hintergedanken bei der Formulierung des Koalitionsvertrages eine Rolle gespielt haben. Mit den von uns vorgeschlagenen dezentralen Zwischenlagern* hat der angekündigte Neubau - außer dem dezentralen Standort - nichts gemein. Aus sicherheitstechnischer Sicht ist lediglich zu begrüssen, daß die mit Brennelementtransporten zusammenhängenden Risiken verringert werden. Diese Position wird im folgenden begründet.

 Gefahrenpotential am Standort 

Bei dem dezentralen Brennelementzwischenlager handelt es sich um den Neubau einer Atomanlage. Diese Anlage wird ca. 40 Jahre in Betrieb sein und beinhaltet aufgrund seines großen Aktivitätsinventars in dieser Zeit auch ein beträchtliches Gefahrenpotential. Dieses wäre am Standort zusätzlich zu den - allerdings noch größeren - Gefahren durch den Reaktorbetrieb vorhanden. Das Gefahrenpotential durch das Zwischenlager ist der Standortbevölkerung nach meiner Ansicht nur zuzumuten, wenn dafür kurzfristig der Reaktorbetrieb eingestellt und mittelfristig das Lagerbecken am Reaktor entleert wird. Das heißt, die sich insgesamt am Standort befindliche Aktivität sollte -außer durch die kurze Restlaufzeit - nicht mehr wesentlich erhöht werden. Unabhängig von dieser eher sicherheitstechnisch-rationalen Sichtweise ist die gesellschaftliche Akzeptanz für ein zusätzliches Zwischenlager (ohne Abschalten des Reaktors) in der Bevölkerung schwer vorstellbar.

 Lagerkapazität/Ausstieg

 Die Betreiber des KKE haben eine Zwischenlagerkapazität von 120 Behältern beantragt. Werden diese Stellplätze mit den momentan für Druckwasserreaktor-Brennelementen eingesetzten Transport- und Lagerbehälter CASTOR V/19 belegt, so reicht diese Kapazität unter Berücksichtigung der vorgesehenen Abbranderhöhung bei den Brennelementen für mehr als 30 Jahre Betriebszeit. Die Gesamtbetriebszeit des KKE betrüge dann über 40 Jah-re, daß heißt, die Auslegungs-„Schallgrenze" für technische Bauwerke und Komponenten wäre überschritten. Unabhängig davon, könnte durch eine längere Abklingzeit der Brennelemente im Lagerbecken und dem Einsatz von Behältern mit einer größeren Brennelementkapazität die durch das Zwischenlager abgedeckte Betriebszeit weiter erhöht werden.

 Nach dem Vorschlag der Gruppe Ökologie sollte die Kapazität der dezentralen Zwischenlager unmittelbar in bezug auf die Schwermetallmenge (Uran und Plutonium) in den vorhandenen und noch anfallenden Brennelementen auf die festgelegte Restlaufzeit des Atomkraftwerkes begrenzt sein. Die entsprechende Schwermetallmengenbegrenzung wäre in der atomrechtlichen Genehmigung festzuschreiben und soll auch für die baulichen Einrichtungen auslegungsbestimmend wirken. Die Begrenzung sollte darüber hinaus durch den Entsorgungsvorsorgenachweis, der Voraussetzung für den Betrieb des Atomkraftwerkes ist, abgesichert sein.

 Zwischenlager als Atomanlage

 Nach allen bisher vorliegenden Informationen wird für das geplante Behälterzwischenlager ein Antrag nach § 6 Atomgesetz gestellt. Das bedeutet, daß es im Genehmigungsverfahren nur um den Umgang mit den Brennelementen geht, nicht aber um die Atomanlage Zwischenlager. Dies ist ein Mißstand, der z.B. bereits in den Genehmigungs- und Gerichtsverfahren um das Transportbehälterlager Gorleben (TBL) von Rechts- und Sachbeiständen der betroffenen AnwohnerInnen immer kritisiert wurde. Die Beschränkung auf eine Umgangsgenehmigung hat nämlich sicherheitstechnische Auswirkungen. Die Auslegung des Gebäudes erfolgt hier lediglich nach Baurecht, obwohl es kerntechnische Funktionen besitzt. Die Gebäudestruktur muß z.B. die aus den Behältern kommende Nachzerfallswärme der Brennelemente sicher ableiten können und besitzt auch Strahlenschutzaufgaben. 

Nach unserer Meinung muß ein Brennelementzwischenlager, das ca. 40 Jahre in Betrieb sein soll und ein höheres Aktivitätsinventar enthalten kann als ein in Betrieb befindlicher Reaktor, als Anlage beurteilt und genehmigt werden. Auch bei der Zwischenlagerung ist das Prinzip in der Kerntechnik übliche Mehrfachbarrierenkonzept einzuhalten. Dies bedeutet auch für das Gebäude einen notwendigen Betreibernachweis der Funktionsfähigkeit hinsichtlich in atomrechtlichen Verfahren zu prüfenden Sicherheitsaspekten sowie eine detaillierte Begutachtung dieses Nachweises durch die Genehmigungsbehörde. Dabei sind vom Gebäude u.a. folgende bisher nicht gestellte Anforderungen zu erfüllen:

Das Gebäude muß gegen Einwirkungen von Außen ausgelegt sein. Das heißt, es muß entsprechend den (verbesserungswürdigen) kerntechnischen Regeln z.B. auch im Falle eines Flugzeugabsturzes, einer Explosion, eines Erdbebens oder eines terroristischen Anschlags seine Funktionsfähigkeit im notwendigen Umfang behalten.

Das Gebäude muß die aus den Behältern austretende Direktstrahlung der Brennelemente soweit abschirmen, daß in der Umgebung keine höheren Dosisbelastung für die Bevölkerung auftritt als nach § 45 Strahlenschutzverordnung zulässig und Arbeiten in unmittelbarer Nähe des Zwischenlagers (z.B. während Stillegung und Abriß des Atomkraftwerkes) keiner zusätzlichen Auflagen bedürfen.

Barrierensystem

 In der bisherigen Philosophie von Betreiber und Behörden obliegt einzig dem Transport- und Lagerbehälter die Aufgabe, die sichere Verwahrung der Brennelemente zu gewährleisten. Dieser kann dem aber nur in unzureichendem Umfang nachkommen. Im Bereich der Behälterwand wird der radioaktive Stoff nur durch eine sicherheitstechnisch belastbare Barriere gegenüber der Umwelt eingeschlossen. Es ist unstrittig, daß die Behälterwand einem terroristischen Anschlag (z.B. mit einer Panzerfaust) nicht stand hält. An dem Sicherheitsnachweis gegenüber anderen Unfalleinwirkungen existieren Zweifel. Um diesen Nach-weis ausreichend belasten zu können, fordern wir praktische Tests mit Originalbehälter. Ein weiterer kritisch zu beurteilender Aspekt der gegenwärtigen Sicherheitsphilosophie ist die Direktstrahlung. Im Rahmen der Gesamtbetrachtung des Zwischenlagers ist die Abschirmung dieser Strahlung durch die Behälter nicht ausreichend.

 Das in der Kerntechnik notwendige Doppelbarrierensystem ist durch den Behälter nicht gegeben. Außerhalb des Deckelbereiches gibt es nur eine Behälterwand als Barriere. Der Verschluß des Behälters wird zwar durch zwei Deckel mit entsprechender Dichtung vorgenommen, erfüllt aber ebenfalls nicht die kerntechnischen Anforderungen an eine Mehrfachbarriere. Beide Deckel bzw. Dichtungen sind Barrieren nach dem selben physikalischen Prinzip. Im kerntechnischen Sinn sind sie daher nur als eine Barriere anzusehen.

 Freisetzungsüberwachung

 Ob die Sicherheit des dichten Abschlusses der Brennelemente durch das Deckel- und Dichtungssystem während der vorgesehenen Lagerzeit über mehrere Jahrzehnte tatsächlich gegeben ist und damit eine Freisetzung von radioaktiven Stoffen ausgeschlossen werden kann, ist zu hinterfragen. Dichtungsbeschädigungen bei Behälterbeladungen und unzureichende Dichtheitsüberprüfungen durch falsche Behältergasfüllungen in der Vergangenheit sowie die von Kritikern seit langem befürchtete Möglichkeit der Korrosion der Dichtungen durch in diesem Bereich vorhandene Restfeuchte (im November 1998 von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung bei einem CASTOR festgestellt) sind hier Anlaß zu Zweifeln, ob ein genereller Ausschluß überhaupt möglich ist. Von daher stellt die Dichtheitsüberwachung (gleichbedeutend mit Freisetzungsüberwachung) während der Lagerzeit ein wichtiges Sicherheitssystem dar.

 Sicherheitssysteme müssen in der Kerntechnik immer redundant (das heißt mindestens zweifach) ausgelegt sein. In den bisher existierenden Zwischenlagern gibt es jedoch nur ein Überwachungssystem. Die Dichtheit der Deckeldichtungen und damit die Freisetzung radioaktiver Stoffe wird mittels einer Drucküberwachung des Raumes zwischen den beiden Deckeln bewerkstelligt. Bei den hierfür in die Behälterdeckel eingesetzten Druckschalter gab es in der Vergangenheit bereits Fehlfunktionen. Es ist also ein zweites System notwendig. Denkbar ist z.B. die Überwachung durch Strahlungsmonitore.

 Zusammenfassung 

Auch im Bereich der Zwischenlagerung gibt es wie bei der gesamten sogenannten Entsorgung keine sichere Lösung der Probleme. Es kann nur Schadensbegrenzung im Sinne der Anwendung von Techniken mit den relativ geringsten Sicherheitsrisiken betrieben werden. Neben den Techniken selbst, sind dabei auch Randbedingungen zu beachten. Aus meiner Sicht sind in der Diskussion um Brennelementzwischenlager an den Atomkraftwerksstandorten folgende Forderungen zu stellen:

 

Der Ausstieg aus der Atomenergienutzung muß gesetzlich festgeschrieben sein.

Für das Atomkraftwerk am Standort des zu errichtenden Zwischenlagers muß die Restlaufzeit des Reaktors bzw. der Reaktoren schriftlich vereinbart oder gesetzlich geregelt sein.

Das Zwischenlager darf nur für Brennelemente und hochaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung genehmigt sein, die ursächlich dem Standort zuzuordnen sind.

Die Kapazität des Zwischenlagers ist auf die Schwermetallmenge in den vorhandenen und während der Restlaufzeit noch anfallenden Brennelementen zu begrenzen und mit dem Entsorgungsvorsorgenachweis für den Reaktor zu koppeln.

Das Zwischenlager hat sicherheitstechnische Anforderungen zu erfüllen und ist dementsprechend als Atomanlage auszulegen.

Der Sicherheitsnachweis für die Transport- und Lagerbehälter ist entsprechend dem in der Ingenieurwissenschaft/-technik üblichen Vorgehen zu führen.

Die Überwachung von radioaktiven Freisetzungen muß durch zwei voneinander unabhängigen Systeme gewährleistet werden.

Wolfgang Neumann

Hannover, den 21.12.1998

 

Gruppe Ökologie,
Institut für ökologiche Forschung und Bildung e.V.,
Immengarten 31,
3000 Hannover 1

Tel.: ( 0 511) 6 96 31 30

Bearbeitet am:28.12.1998/ad


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