WER MIT WEM

in Atomstaat und Großindustrie

 

AG Atomindustrie

Die AG ATOMINDUSTRIE ist eine Forschungsgruppe, die sich seit 1978 mit der Industriestruktur und Konzernprofilen der deutschen Energiewirtschaft beschäftigt. Sie ist schriftlich zu erreichen:
AG ATOMINDUSTRIE,
Postfach 310869,
1000 Berlin 31

Inhalt

Vorwort und Gebrauchsanweisung

WER MIT WEM in Atomstaat und Großindustrie von A bis Z

 

Hinweise für den Gebrauch

Das Handbuch verbindet drei inhaltliche Schwerpunkte. Erstens werden etwa 600 Personen porträtiert. Zweitens werden rund 100 Unternehmen, Organisationen und Vereinigungen der Atomindustrie kurz beschrieben. Drittens sind wichtige Begriffe des Atomzeitalters erläutert. Ein Sach- und Personenregister ermöglicht dem recherchierenden Leser, den verschlungenen Querverbindungen des Filzes nachzugehen. Die Kurzporträts der Personen gliedern sich in Angaben zu: -Parteizugehörigkeit - Geburtsjahr - Hauptberuf und Ausbildung - Mitgliedschaften und Tätigkeiten - Biographie - Auszeichnungen oder Medaillen - Hinweise auf den Atombezug - Kommentare - Atomtantiemen (soweit möglich; geschätzt).

Die Firmen-Stichworte enthalten Informationen über: - Anschrift - Registergerichtnummer - Aktionäre, Gesellschafter oder andere Eigentümer - Aktuelle Daten zu Grundkapital, Beschäftigtenanzahl, Umsatz und Steuern - Mitglieder von Vorstand, Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Beiräten - Kommentar und Hinweise zu Aktivitäten im Atomsektor.

Für die Atomkraftwerke in der Bundesrepublik wurden erstmals die radioaktiven Emissionen und die Gesamtanzahl der Störfälle zusammengestellt. Hier kann man/frau sich informieren, wie "sicher und sauber" die Atomenergie ist. Sicher sind in diesem Dschungel der Betriebswirtschaft und des Wirtschaftsrechts nicht alle von uns benutzten Begriffe jedem geläufig. Um die Bedeutung und die Rolle einzelner Personen im Atomgeschäft, um ihre spezielle Verantwortung bei der "Atomisierung" der Republik nachvollziehen zu können, muß der Leser aber die ökonomischen Fachbegriffe auch einordnen können.

Dazu wurde von Wolfgang Hippe ein wirtschaftsrechtliches Glossar erstellt, das als gesonderter Leitfaden beigefügt ist. Da kann man sich etwa über den Aufsichtsrat informieren. Ein Aufsichtsrat mit einem Vorsitzenden und einem oder zwei Stellvertretern ist das oberste Kontrollgremium einer Kapitalgesellschaft, in dem die Kapitaleigner und die Beschäftigten (deren Vertreter wir mit einem Sternchen * hinter dem Namen gekennzeichnet haben) paritätisch vertreten sind. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats ist nicht nur theoretisch ein starker Mann. Seine Stimme zählt. Deswegen erhält er auch eine doppelte Tantieme. Die Stellvertreter sind in der Regel Arbeitnehmervertreter. Sie erhalten die eineinhalbfache Tantieme. Nach dem Mitbestimmungsgesetz ist die Anzahl der Aufsichtsratsmitglieder (12, 16 oder 20) abhängig von der Größe des Unternehmens. Die Tätigkeit als Aufsichtsratsmitglied ist nicht sonderlich anstrengend. Solch ein Rat tagt drei bis vier Mal im Jahr. Sonst wäre es fÜr einige Multifunktionäre kaum möglich, diese lukrative Nebentätigkeit in bis zu 30 verschiedenen Variationen auszuüben. Das Aktiengesetz erlaubt seit 1965 zwar nur 10 Aufsichtsratsposten, aber die Maschen des Gesetzes sind offensichtlich sehr locker gestrickt.

Der Aufsichtsrat hat zu entscheiden, wer in den Vorstand eines Unternehmens befördert wird, wer gefeuert wird, ob derJahresabschluß stimmt, und ob der Profit sich für das Kapital rentiert hat. In ausländischen und auch in manchen inländischen Unternehmen heißt der Aufsichtsrat Verwaltungsrat. Für diesen gilt entsprechendes.

Die Vorstandsmitglieder einer Aktiengesellschaft oder die GeschäftsfÜhrer einer GmbH sind die direkt Verantwortlichen für die Unternehmensentscheidungen und Aktivitäten. Sie werden vom Aufsichtsrat oder der Gesellschafterversammlung eingesetzt. Hier sind die technischen, kaufmännischen

und politischen Topmanager zu finden. Sie vertreten "ihre" Gesellschaft in den Beteiligungen - d.h. Tochter- und Enkelunternehmen. Für diese Jobs werden sie auch spitzenmäßig bezahlt: Ein Jahreseinkommen von mehr als 1 Million. DM ist keine Seltenheit!

In einer Reihe von Unternehmen finden wir Beiräte. Beiratsgremien - wie Wirtschafts- und Regionalbeiräte, Beraterkreise, Gewährsträgerversammlungen, wissenschaftliche Beiräte- dienen vor allem dazu, die Unternehmenspolitik zu fordern und die Mitglieder an das Unternehmen zu binden. Sie haben keine Kontroll- sondern nur Beratungsfunktionen.

Ihr Entstehen ist historisch dadurch zu erklären, daß die Aufsichtsräte zu groß wurden. Um sich dennoch der Unterstützung der wichtigsten Aktionäre und Kapitalgruppen zu versichern, schuf man diese Gremien. Der Arbeitsaufwand ist noch kleiner als im Aufsichtsrat; dennoch erhalten die Mitglieder aber oft gleich hohe Tantiemen. Hier beginnen die meisten Karrieren der politischen Aufsteiger. In diesem Bereich sind die meisten Beispiele fur die legalisierte Form der "modernen Korruption" zu finden. Bei Vereinen und anderen Organisationen tobt sich der Einfallsreichtum der deutschen Vereinsmeierei in den verschiedensten Funktionsbezeichnungen und Organen aus.

Für welche Fälle kann es wichtig sein, die mit der Atomindustrie verbundenen Personen zu identifizieren? Es gibt Veranstaltungen zu energiepolitischen Themen, organisiert von Vereinen oder Vereinigungen, deren wahre Interessen gar nicht zu durchschauen sind. Hier bietet das Buch Informationshilfe.

Über das Register sind die wichtigsten direkt engagierten Personen aufgeführt. Ober das Personenverzeichnis läßt sich herausfinden, wo die im Verein Aktiven sonst noch tätig sind. Die Interessenlage der Vereinigung läßt sich oft über die Personen einschätzen. Die in der Öffentlichkeit sich zu Wort Meldenden, sind den Bürgern zwar oft namentlich bekannt, über ihre Stellung im Atomfilz jedoch weiß kaum jemand etwas. Ihre scheinbare Objektivität und ihr vorgeführtes bzw. vorgetäuschtes Wissen wird niemanden mehr verwirren, der über ihre Beweggründe informiert ist und die »richtigen« Fragen stellen kann; oft zeigt sich schnell, daß es sich um knallharte Atom-lnteressenvertreter handelt. Das Handbuch bietet den notwendigen Hintergrund.

Seit Tschernobyl häufen sich Anschläge und andere Widerstandsaktionen, die Gewalt auch an Personen zum Ziel haben. Wir verurteilen diese Form des Kampfes gegen die Atomindustrie. Der Widerstand gegen die Atomkraft muß mit friedlichen, gewaltlosen Mitteln geführt werden, denn er kann nur erfolgreich sein, wenn die Widerstandsbewegung immer breitere Schichten der Bevölkerung umfaßt und von diesen auch unterstützt wird. Der Mord an dem Siemens-Vorstandsmitglied Beckurts ist verwerflich. Er ist völlig ungeeignet, die Widerstandsbewegung breiter und stärker zu mobilisieren. Das Gegenteil ist der Fall. Viel sinnvoller und passender ist es, die Phantasie und Kreativität des Widerstandsgeistes gegen die Atomkraft aufleben zu lassen und immer neue Schwachpunkte der Atomindustrie und der Atomlobbyisten aufzuzeigen.

Würden wir aus der Atomenergie aussteigen, sind Arbeitsplätze in Gefahr, behaupten die Atomkraftanhänger. In Wahrheit fuhrt die zunehmende Nutzung der Atomkraft zu einem Abbau der Arbeitsplätze: Bei der PreussenElektra AG z.B. nimmt die Beschäftigtenzahl bei steigendem Atomstromanteil stetig ab. Wir haben manchmal das Gefühl, daß nicht Arbeitsplätze, sondern Tantiemen in Gefahr sind. Von einem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft kann keine Rede sein. Nicht nur, daß viele Atomfirmen gleichzeitig auf "alternative Energie" setzen. Der Siemens-Chef Kaske sieht sogar für die Atom-Tochter Kraftwerk Union AG (KWU) die Zukunft ohne Atomkraft rosig: "Wenn ich mir. . . vorstelle, daß wir 30.000 MW moderne Kohle- und Ölkraftwerke in der Bundesrepublik bauen müßten in den nächsten fünfJahren, das gäbe einen Auftragsboom ohnegleichen fur die KWU!" (Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 19.6.1986).

Den Medien und öffentlichen Veranstaltungen kommt eine wichtige Funktion zu. Hier kann dargestellt werden, welche Gelder die Herren im Atomgeschäft einstecken. Jeder einzelne der an der Atomisierung der Republik Beteiligten, hat größtes Interesse zuerst daran, seine Tantiemen zu behalten und die Gelder- woher auch immer- weiter fließen zu lassen. Für die Atommanager stehen immerhin 50.000 bis 100.000,- DM pro Monat (!) auf dem Spiel. Für diesen Preis vergessen einige die Zukunft ihrer Kinder. Noch ist den Menschen hier im Land nicht bekannt, welch unglaubliche Summen diese Herren beim Spiel mit dem Atomtod einstecken. So muß man ihre Warnungen vor einem Ausstieg aus der Atomenergie unter dem Aspekt betrachten, daß er letztlich fur sie einen Ausstieg aus dem Geldtopf der Atomindustrie bedeutet.

Wählerinnen und Wähler sind aufgerufen, ihren Abgeordneten auf die Finger zu schauen. Viele von ihnen, das ist in diesem Handbuch nachzulesen, vertreten weniger das Volk, als ihre Geldbörse, ihre Firma! Vor allem viele kommunale Politiker bessern sich ihr Gehalt durch Beirats- oder Aufsichtsratsmandate auf-, ihre Position jedoch beruht aufWählervoten. Sie sind abwähl bar!

Wir haben nichts gegen öffentliche Kontrolle- ganz im Gegenteil. Der Kontrolleur jedoch darf sich nicht persönlich bereichern, er muß - so meinen wir- den Bürgern seine Einnahmen offenlegen.

Für dieses Lexikon haben wir grundsätzlich nur öffentlich zugängliche Quellen benutzt, insbesondere die neuesten Geschäftsberichte und Unternehmensinformationen. Jahreszahlen, die wir in Klammern den einzelnen Daten hinzugefügt haben, besagen, für welche(s) Jahr(e) die betreffende Angabe durch eine öffentlich zugängliche Quelle belegbar ist. Beispielsweise besagt also die Angabe "Leiter des Referats xy (1985)" nicht, daß diese Person jene Funktion nur im Jahr 1985 bekleidet hat, sondern daß die Quellen, die wir benutzt haben, lediglich eine Aussage über diese(s) betreffende Jahr(e) machen. Dennoch sind alle Angaben- trotz sorgfaltiger Überprüfung durch die AG Atomindustrie - ohne Gewähr. Gerade deshalb sind wir für jeden Hinweis dankbar. Gerne berücksichtigen wir Informationen sachkundiger Leser. Natürlich sind wir auch für Kritik empfänglich.

AG ATOMINDUSTRIE Berlin, im Juli 1987

Es gibt nun eine Neuauflage der Broschüre Stand 12/97

 

Es scheint auch schlecht, daß dieselbe Person
mehrere Ämter bekleidet, was bei den Karthager
gerade im Ansehen steht. Denn jeder einzelne
leistet am besten ein einziges Werk.

Aristoteles


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