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vom 20.01.1993

Mol-Transport kam gestern unter starkem Polizeischutz ins Gorlebener Zwischenlager

Brennende Barrikaden gegen Atommüll

gel Gorleben. Trotz erbitterten Widerstands von etwa 300 bis 400 Atomkraftgegnern ist gestern der Mol-Transport aus Esenshamm mit leichtradioak tivem Atommüll ins Gorlebener Zwischenlager gebracht worden. Der umstrittene Atom transport und die Proteste forderten nach Polizeiangaben 14 Verletzte, darunter 13 Polizisten. Etwa 800 Beamte aus Niedersachsen begleiteten die Container mit den sechs Mosaikbehältern, deren Inhalt in den 80er Jahren auch im belgischen Mol lagerte – dem Ort, der unweigerlich mit dem Transnuklearskandal in Verbindung gebracht wird. Um 14.25 Uhr waren die beiden Container im Zwischenlager.

Zuvor hatten Atomkraftgegner heftigst gegen die Einlage rung demonstriert: Zahlreiche Straßenbarrikaden aus Holzstämmen wurden auf den Zufahrtswegen errichtet – einige der Barrikaden standen sogar in Flammen. Gegen 13 Uhr drohte die Auseinandersetzung auf ihrem Höhepunkt zu eskalieren, als sich etwa 200 Atomkraftgegner auf dem sogenannten Mastenweg zusammenschlossen und einige von ihrer Seite Farbbeutel und Knallkörper in Richtung Polizei warfen, nachdem die Polizei kurz zuvor sogar Hunde hervor geholt und CS-Reizgas eingesetzt hatte. Die hiesige Bürger initiative Umweltschutz (BI) nach der Auseinandersetzung mit der Polizei: „Es ging herb zu."

Herb, aber nicht brutal. Denn ganz offensichtlich waren die Beamten immer wieder in Ge sprächen um Deeskalation bemüht. Die härtere Gangart blieb die Ausnahme. Vielmehr war das Konzept der Polizei darauf ausgelegt, die Demonstranten abzudrängen und vom, Transportweg abzukapseln. Die Mol-Mosaikbehälter näherten sich so nur schrittweise dem Zwischenlager.

Bild: SITZBLOCKADEN von Atomkraftgegnern bildeten sich gestern immer wieder auf den Zufahrtswegen zum Zwischenlager. Im Hintergrund ein Räumfahrzeug der Polizei, das die Reste einer Barrikade wegschafft, die zuvor noch in Flammen gestanden hatte.

Die Chronologie dieses Mol-Transportes: Um 1 Uhr nachts verläßt der radioaktive Müll das Kernkraftwerk Unterweser Esenshamm, wo er sich seit vor Weihnachten befand, nachdem er auf seinem Weg von Karlsru he nach Gorleben gestoppt worden war. Der Transport hält nach Informationen der 131 ab etwa 4.45 Uhr für längere Zeit auf dem Truppenübungsplatz in Munster. Unterdessen befinden sich bereits zu diesem Zeit punkt rund 200 Atomkraftgegner am Zwischenlager, um die Einfahrten zu blockieren. Aber erst gegen 10.30 Uhr beginnen Polizeibeamte, die ersten Straßenbarrikaden abzuräumen.

Bild: BARRIKADEN IN FLAMMEN: An mehreren Stellen schafften Atomkraftgegner vorwiegend Sturmholz auf die Straße und errichteten dort Sperren.

Bild: NICHT ZIMPERLICH: Die Polizei hatte gestern alle Hände voll zu tun, um die blockierenden Atomkraftgegner vom sogenannten Mastenweg wegzuschaffen.

Von da an soll es immerhin noch vier Stunden dauern, bis die Polizei den Atommüll ins Zwischenlager gebracht hat. Immer wieder bilden sich Menschenblockaden. Erst kurz nach Mittag wird bekannt, daß zwei Container von Rondel aus über den Mastenweg rollen, einen Waldweg zwischen Endlagerbergwerk und Zwischenlager. Dort wird aus etwa 200 blockierenden Atomkraftgegnern und Holzstämmen ein Knäuel, der den Transport wiederum stoppt. In der ersten Reihe die ser Blockade sitzen auch: Mitglieder der „Initiative 60" sowie Lüchow-Dannenbergs Landrat Christian Zühlke (SPD). Gegen 13.30 Uhr wird nach mehrfacher Aufforderung der Polizei, den Weg zu räumen, die Blockade aufgelöst: Atomkraftgegner werden weggeschleift, an den Haaren gerissen, abgedrängt; Polizisten werden beschimpft. Die Atomkraftgegner zu den Polizisten im Stakkato: „Haut ab" und „Wo, wo, wo ward Ihr in Rostock?!"

Danach werden die Atomkraftgegner „abgeräumt", bringen den Transport aber nochmals zum Stoppen, ehe dann doch eingelagert wird. Bereits im Juni 1991 war es beim ersten Transport von Mol Abfällen ins Gorlebener Zwischenlager zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Damals gab es elf Verletzte.

Bearbeitet am: 30.01.2018/ad


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