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vom 22.07.1994

Unter Straßen drohen Einsturz-Tunnels

Über 1000 demonstrierten in Gorleben - Fast 100 überwanden Lagerzaun -  Blockade-Höhlen gegraben

jg Gorleben. Anfangs war der Barrikadenbau am Zwischenlager in Gorleben am Wochenende in vertrauter Weise verlaufen: Kleinere Gruppen von Demonstranten sägten Bäume ab, rissen Leitpfahle und Verkehrs-schilder aus dem Boden, legten all dies gebündelt auf die Fahrbahn. Doch dann überraschten die Akteure mit einer neuen Variante: Blockadehöhlen entstanden. Sowohl unter der Straße nach Gorleben, als auch unter der nach Gedelitz groben Protestler mit Hacke, Spaten und Schaufel in voller Straßenbreite Tunnels; ihre Wirkung: Sollte ein Fahrzeug mit

  ausreichendem Gewicht über den Hohlraum rollen, stürzt die Straßendecke ein.

 

Weitaus weniger bedrohlich als die Einsturztunnels wirkten die Blockademittel vor dem Zwischenlager-Eingang; fast ein bißchen Wohnküchen-Atmosphäre unter freiem Himmel kam dort auf: hier ein gemütliches Sofa, dort bruzzelndes Grillfleisch, mittendrin eine Nähmaschine, auf der grüne Wendland-Wimpel umsäumnt wurden. Fast idyllisch mutete das Ganze an, wären da nicht die Trecker gewesen, die alles
wie eine halbrunde Wagenburg ibschirmten und Schilder trugen, auf denen die Protestierenden ihre Befürchtungen in Sachen Castor kundtaten.

Bild: ÜBER 1000 Atomkraftgegner prostestierten am Wochenende in Gorleben gegen den Castor-Transport. Das Foto links zeigt die untertunnelte Straße zwischen Gorleben und Atommüllager. 3 Aufn.: H. Jung

Sofa, Nähmaschine, Zelte und Hütten — durch jenes Szenario wollen die Gegner der
Atommüll-Transporte deutlich machen: Wir harren aus,, wir bleiben hier bis zum Eintreffen des Castor, wir haben uns hier „häuslich niedergelassen", wie es Peter Bauhaus namens der Versammelten ausdrückte. Er sprach am Sonnabend vor über 1000 Atomkraftgegnern und gab ihren zu bedenken: Auf einmal lasse die Landesregierung die Castor-Protokolle prüfen. „Warum geht plötzlich etwas, was vorher unmöglich war?" In dieser Sache „haben wir beim Innenministerium nachgefragt", berichtete Peter Bauhaus, „und erfahren: Man habe den Widerstand vor Ort unterschätzt". Den Politikern in Hannover warf der Redner vor, ihr Nicht-Handeln sei in „Feigheit vor der Atomindustrie" begründet. „Deshalb muß die Initiative von uns ausgehen", forderte Bauhaus und rief  aus: „Die Zeit der Ruhe ist vorbei — und der Mut wächst."


Für Unruhe bei den Sicherheitskräften sorgten gestern mittag annähernd 100 Atomkraftgegner, die den ersten Zaun vor dem Zwischenlager-Gelände überkletterten. Den zweiten Zaun konnten sie nicht überwinden: Polizeibeamte und Wachleute mit Hunden paßten auf. Daß das Klettermanöver überhaupt gelang, war auf die anfangs sehr geringe Polizeipräsenz zurückzuführen: Nur wenige Beamte zeigten sich am Sonnabend und gestern vormittag. Warum dies so war, erläuterte Polizeirat Lutz Lange der EJZ auf Anfrage: Die Einsatzleitung habe auf Deeskalation gesetzt und nicht mit Übergriffen gerechnet; auch seien andernorts starke Polizeikräfte verplant gewesen, so etwa beim „Tag der Niedersachsen" in  Munster und zur Absicherung des Kurden-Trauerzuges in Hannover. Gestern nachmittag wurde dann Bereitschaftspolizei aus anderen Regionen urn und in Gorleben postiert.

Nicht wenige Atomkraftgegner wollen nun am Zwischenlager ausharren. Noch, so hieß es gestern, sei keinesfalls „Entwarnung" gegeben. Verhältnismäßig unabhängig ist man vor Ort: Eine Küchen sorgt für Verpflegung, Wasser aus einem großen Tank ist zum Waschen da, ein Klohäuschen wurde erbaut, auch ein Sanitätszelt („Mit Äztinnen und Ärzten") fehlt nicht. Und was früher einmal den Yuppie kennzeichnete, hat mittlerweile auch in die Atomkraftgegner-Szene Eingang gefunden: Das „Handy", das Funktelefon zur raschen Kommunikation, wenn es heißt: ,,Der Castor kommt"!

Bild:AUF EINES NÄHMASCHINE wurden Wimpel und Fahnen der „Freien Republik Wendland" umsäumt: unter freiem Himmel, vor dem Eingangstor zum Zwischenlager, wo auch ein Sofa, Zelte, Grällplatz sowie Gitarren- und Flötenmusik für „gemütliche" Atmosphäre sorgten.

 

Bearbeitet am: 22.07.2019/ad


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