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vom 02.02.2001

Nüchternheit prägt die Beziehung Berlin-Paris

Von Petra Klingbeil und Gerd Reuter

Berlin/Paris (dpa) - In den deutsch-französischen Beziehungen gab es eine Epoche, als eine innige Umarmung zwischen dem jeweiligen Präsidenten und dem deutschen Bundeskanzler als Beweis für die exzellenten Beziehungen zwischen beiden Nationen galt.

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Die Zeiten und mit ihnen die politischen Realitäten haben sich geändert. Zwei gleichberechtigte Staaten stehen heute mit unterschiedlichen Interessen im Zentrum der Europäischen Union.

Schon sehr bald sollen aus 15 Mitgliedsstaaten mehr als 20 werden. Außer Umarmungen und Freundschaftsbekundungen geht es jetzt auch darum, wie dieses Europa der nahen Zukunft handlungsfähig gemacht werden kann, ohne dass ein Mitgliedsstaat sich über den Tisch gezogen fühlt. Alle Augen richten sich dabei auf Paris und Berlin. Deutschland und Frankreich, mal «Motor», mal «Lokomotive» des europäischen Einigungsprozesses genannt, hatten in der Vergangenheit Verständigungsprobleme.

Besonders deutlich wurde dies nach dem jüngsten EU-Gipfel unter französischer Präsidentschaft im Dezember in Nizza. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac hatten gänzlich andere Vorstellungen von Stimmengewichtigung und Mehrheitsentscheidungen in den Beschlussgremien. Möglicherweise war das deutsch-französische Verhältnis nicht marode, aber die Stimmung war getrübt.

Chirac hatte deshalb Schröder, die beiden Außenminister Joschka Fischer und Hubert Vedrine sowie den französischen Premierminister Lionel Jospin zum Abendessen in den idyllischen Ort Blaesheim bei Straßburg geladen. Die Unebenheiten wurden geglättet, hieß es in Berliner Regierungskreisen und überhaupt: Deutschland und Frankreich müssten das «Schwungrad» der europäischen Integration sein, so Fischer. Zu ersetzen sei das deutsch-französische Verhältnis schon gar nicht. Es sei zwar kein «Goldschimmer» über diesen Beziehungen, aber die den Himmel trübenden «Wölkchen» seien verflogen.

Die Auswahl des Ortes Blaesheim war kein Zufall, denn das Dorf symbolisiert eine Zeit intensiver deutsch-französischer Freundschaft. Hier trafen sich 1977 und 1981 der frühere Präsident Valery Giscard d'Estaing und der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und leiteten damals eine neue Ära ein. Die Debatte der nächsten Zukunft wird die Struktur Europas betreffen. Im Raum stehen die Fragen, ob man ein föderales Europa haben will und welchen Platz Deutschland und Frankreich in diesem Europa einnehmen. Ein fertiges Konzept dafür brauchen Paris und Berlin allerdings erst 2004 vorlegen, wenn die nächste Regierungskonferenz der EU auf der Tagesordnung steht.

Das gemeinsame Essen in einer elsässischen Landgaststube mit erotischen Bildern des elsässischen Zeichners Tomi Ungerer an den Wänden war der Auftakt für eine Neudefinition des Verhältnisses auf der Grundlage einer Gleichberechtigung. Dass Védrine und Fischer jetzt Inventur über alle strittigen Fragen machen wollen, lässt nach Meinung von Beobachtern tief blicken. Die immer wieder bestrittenen Kommentare über Konflikte konnten also nicht ganz aus der Luft gegriffen sein.

In Blaesheim wurde wieder einmal klar, dass die Staatsführer die wirklichen Fragen gern hinter vordergründigen Harmonie-Bildern verstecken. Vor der Presse verloren Schröder und Chirac kein Wort Über die vereinbarte Wiederaufnahme der Atomtransporte. Dies wurde kurz nach der Abfahrt der Delegationen in Paris bekannt gegeben. Offenbar sollte bohrenden Fragen aus dem Weg gegangen werden.

Bearbeitet am: 02.02.2001/ad


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