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vom 14.02.2001

Dr. Sebastian Pflugbeil zu Risiko und Strahlenschutz

"Das hätten sich die anderen nicht getraut"

by Lüchow. Dass er eines Tages "schwarzen" Umweltministern würde Abbitte leisten wollen, kann sich Dr. Sebastian Pflugbeil erst vorstellen, seit in Berlin Rot-Grün an der Macht ist.

Was sich Trittin in Sachen Strahlenschutzverordnung leistet, "hätten sich die anderen nicht getraut", sagte der Vorsitzende der Gesellschaft für Strahlenschutz in Berlin am Montagabend zu Beginn einer von Knut Schwarting moderierten Podiumsdiskussion im Lüchower Gemeindehaus. Die Frage, ob die neue Strahlenschutzverordnung heutigen Erkenntnissen genüge, beantworte Pflugbeil mit einem klaren "Nein" und nahm auch sonst kein Blatt vor den Mund, sprach von "Schwachsinn", "allem möglichen Unsinn" und davon, dass in der Verordnung "glatt gelogen" werde.

Mit "heutigen Erkenntnissen" habe die Strahlenschutzverordnung nichts zu tun, weil sie, wie auch alle Vorgänger, immer Jahre den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission hinterherhinke - und die sei, so Pflugbeil, "eine Atommafiosi-Vereinigung". Unterm Strich werde "ein immer höheres Risiko akzeptiert". Ihn habe "wachgebellt", dass das Bundesumweltministerin im Entwurf zur Strahlenschutzverordnung behauptet habe, dass der Schutz verbessert werde. Das Gegenteil sei der Fall, zeigte Pflugbeil an verschiedenen Beispielen auf. Dazu gehört, dass die Sperrung des Kontrollbereichs für Schwangere gestrichen wurde, und dass auch Jugendlichen mehr Belastung zugemutet werde.

Dies sei "pervers" und konterkariere die Behauptung aus dem Ministerium, die neue Verordnung tue mehr für die Menschen als die alte. Die Regelungen für Schwangere, die nun von ihren Arbeitgebern unter Druck gesetzt werden könnten, im Kontrollbreich eines Atomkraftwerkes oder auch einer radiologischen Praxis zu arbeiten, stieß auch den Medizinern am Podium - Dr. Annegret Bornemann, Dr. Annemarie Lang, Dr. Vasalios Kardalinos - sauer auf.

Dies auch noch als verbesserte Gleichstellung zu verkaufen, sei makaber, meinte auch der Gewerkschafter Rudi Sproessel. Pflugbeil machte darauf aufmerksam, dass künftig "jeder Bürger ein Anrecht auf 1 Millisievert Direktstrahlenbelastung" habe - eine Regelung, wie er meinte, im Hinblick auf die kommenden Castor-Transporte quer durch die Republik. Auf zwei weitere "Unfassbarkeiten" in der Strahlenschutzverordnung, die Freigrenzen mit dem Umgang von Radioaktivität und Freigabewerte, die es erleichtern, schwachradioaktive Abfälle beim Abbau von Reaktoren "auf die Deponien frei zu geben" ging Heinrich Messerschmidt ein: Nie zuvor sei der Atomindustrie "ein größeres Menschenopfer" gemacht worden.

Der Physiker Udo Jentzsch verwies darauf, dass der Schutz der Bevölkerung beim Strahlenschutz erst an zweiter Stelle stehe, primär gehe es um die Verhinderung von Regressansprüchen. Grenzwerte seien, so auch Dr. Pflugbeil, ein Ergebnis politisch-wirtschaftlichen Tauziehens und spiegelten nur zu einem geringen Teil die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung wider. Pflugbeil hat das Gefühl, dass die atomfreundliche Beamten im Umweltministerium "nur darauf gelauert haben, dass Rot-Grün an die Macht kommt, um dann alle Sauereien rauszulassen: Das scheint ja auch zu klappen". Im Ministerium gebe es keinen Grünen, der sich für dieses Thema interessiere oder Ahnung habe. Und auch seine Erfahrungen mit der Fraktion seien "niederschmetternd". Ihn ärgert auch, das in dieser Sache von den Öko-Instituten "verdammt wenig" zu hören sei. Er ahnt warum: Jetzt seien die Leute aus den Öko-Instituten am Ruder und bekommen die Aufträge für Gutachten.

Bearbeitet am: 14.02.2001/ad


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