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vom 31.01.2001

"Vernunftsappell" erzürnt Atomgegner

Umweltminister Jürgen Trittin warnt vor Protesten in Gorleben

Von Karin Toben

Gorleben. Es sind noch gut zwei Monate, bis der nächste Castor ins Zwischenlager nach Gorleben rollen soll - doch schon jetzt sind die vielen grünweißen Einsatzwagen von Polizei und Bundesgrenzschutz im Wendland nicht zu übersehen. "Ach, die üben doch bloß, damit sie sich auskennen, wenn der Castor kommt", kommentiert  ein Kaufmann in Hitzacker. Auch die Atomkraftgegner "üben". Sie "testen" eine Eisenbahnbrücke oder setzen sich auf die Schienen zum Verladebahnhof in Dannenberg -ein Vorspiel, das sich kaum von denen der bisherigen Castor-Transporte unterscheidet. Nur: Die Grünen - bislang im Protest geeint - driften auseinander. Während die Niedersachsen-Grünen weiter Seit an Seit mit den Gorleben-Gegner protestieren wollen, geht Bundesumweltminister Jürgen Trittin immer deutlicher auf Distanz.
Blickpunkt

Trittin warnte in einem Brief vor Protesten gegen die Transporte aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben. "Hiergegen durch Sitzen, Gehen oder Singen zu demonstrieren, hält der Parteirat für politisch falsch", schrieb Trittin, dem im Wendland noch nie Rosen auf die Bühne flogen. Mehr als 4000 Menschen haben dort schon per Unterschrift für den März ihre Bereitschaft zum Widerstand auf der Straße bekundet.

Trittin kann sie mit seinen Hinweisen, dass die "Voraussetzungen für die Rücktransporte rechtlich wie politisch gegeben sind", kaum überzeugen. Etwa Martina Lammers (34), fünffache Mutter und seit 18 Jahren in der Bürgerinitiative Umweltschutz LüchowDannenberg (BI) aktiv, glaubt: "Sein Brief ist vielleicht aus einer gewissen Unsicherheit heraus geschrieben. Aber er bewirkt eine noch breitere Mobilisierung. Im Wendland kocht es."

Trittin klärte schon zu Beginn seiner Amtszeit die Wandlungen darüber auf, dass die weitere Lagerung deutschen Atommülls in Frankreich rechtlich unzulässig und politisch nicht akzeptabel ist. "Weil die Atomkraftgegner das wissen, forcieren sie eine Debatte über zivilen Ungehorsam, zur Freude der CDU, die diese dann als Gewaltdebatte führt, um von ihrer Verantwortung für das jahrelange Verschieben von Atommüll ins Ausland abzulenken."

Spätestens an diesem Punkt geht Trittin auf Konfrontationskurs mit der BI: "Wir Grünen sollten BI und CDU diesen Gefallen nicht tun." Und jenen, die meinen, wegen zu langer Fristen bei der Wiederaufarbeitung die Transporte blockieren zu müssen, macht Trittin klar: "Ein sofortiger Stopp in La Hague würde nicht zwei, sondern mehr als zwanzig Transporte in diesem Jahr zur Folge haben. "

"Wenn doch alles an Gorleben kleben bleibt, haben wir allen Grund zur Demonstration", sagt BI-Vorsitzende Rosi Schoppe. Trittins Brief macht für manchen eine weitere Spaltung in der Protestbewegung im Wendland deutlich.

Einstige Freunde wurden Gegner - geblieben aber ist auch ein Protestpotenzial, das auf Demos schon immer "ganz anderen Frust abgeladen hat als Angst vor Strahlenbelastung", wie es Raimund Nowak vom benachbarten Uelzener Kreisverband sieht. Er glaubt, "dass man auch Atomkraftgegner sein kann, ohne sich auf die Straße zu setzen." Für seine wendländische Parteikollegin Lammers wird sichtbar: je weiter die Leute von Gorleben entfernt leben, desto eher werden sie Trittins Argumenten folgen. "

Bearbeitet am: 31.01.2001/ad


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