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vom 23.03.2001

»Wir können auch anders»

Konfliktmanager der Polizei: Es soll besser laufen als 1997

by Lüchow. Armin Reinhold trägt Uniform und einen Button am Hemd. »Wir können auch anders» steht drauf - und das ist nicht als Drohung gemeint.

Der 34-jährige Beamte ist Verhaltenstrainer bei der Polizei in Cuxhaven und zur Zeit im Infobüro der Polizei in Dannenberg im Einsatz. Täglich von 8 bis 18 Uhr pflegt er zusammen mit seinem Lüchower Kollegen Helmut Schiller den Dialog zwischen Polizei und Bürgern.

Lange Pausen haben sie dabei kaum, immer wieder klingelt das Telefon, kommen Bürgerinnen und Bürger herein. Die Trägerin der EJZ in Langendorf braucht einen Passierschein, damit sie am Mittwoch früh die Zeitung austragen kann, ein älteres Ehepaar, das an der Transportstrecke wohnt, fühlt sich durch die vielen Uniformträger an Kriegszeiten erinnert. Eine Frau möchte wissen, wo die Demoverbotszonen liegen, aber weil es in dem Büro die Bekanntmachung der Bezirksregierung nicht gibt, zieht sie wieder von dannen: »Also kann ich auch nicht wissen, wo ich nicht hin darf.» Wieder eine andere diskutiert mit Reinhold und Schilling darüber, ob Polizisten einen Einsatz beim Castor-Transport eigentlich mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Und dann wird ihnen auch noch Kuchen gebracht.

Zwischendurch kommt eines der dreiköpfigen »Mobilen Teams» ins Büro: zum Aufwärmen, Kaffee trinken und mit den Kollegen reden. Gerhard Stelke, (44) kommt vom BGS in Lübeck, Karsten Wolff (34) ist Pressesprecher bei der Kripo in Hannover und Udo Kopatzki (44) Verhaltenstrainer bei der Polizei in Gifhorn. Alle haben sich aus ähnlichen Motiven freiwillig für diese Aufgaben gemeldet: Es soll besser laufen als vor vier Jahren. Sie wollen durch Gespräche mit den Menschen hier die Situation entspannen. Kopatzki hat die »echte Vision», den Castor ohne Verletzte ins Zwischenlager zu bringen, und weiß doch, dass es diesmal sicher nicht gelingen wird. Aber vielleicht bei dem nächsten oder übernächsten Mal. Stelke hat noch die Bilder und Berichte vom 97-er Transport im Kopf und will die Gewalt aus dieser Auseinandersetzung rausnehmen. Dass sie deshalb auch mit ihren Kollegen reden müssen, ist für sie keine Frage. Karsten Wolff, der sich als »sehr kritisch zu Atom» bekennt, hat erst unlängst Beamten aus den neuen Bundesländern erzählt, dass im Wendland auch viele Ältere auf die Straße gehen - für ihre Enkel. »Wenn man das menschlich verpackt, dann ist der Weg vom Kopf in den Bauch sehr kurz» und die Gelassenheit der Einsatzkräfte größer. Wolff ist von den kreativen Formen des Widerstands im Wendland beeindruckt. Und er ärgert sich darüber, dass die Medien bislang einseitig informieren, so dass der Rest der Republik den Widerstand nur als einzige gewalttätige Auseinandersetzung erfährt. Die Folge: Polizisten, die zum Castor-Einsatz abkommandiert werden, sind entsprechend eingestimmt und kommen mit Angst ins Wendland.

Auf ihrer Tour von Haus zu Haus stoßen sie auf eher wenig Ablehnung, aber viele gute und angenehme Gespräche. Man wolle die Leute nicht weichkochen, sagen sie. Vielmehr haben sie die Hoffnung, dass sich die Aggression in dem Maße verringert, in dem sich beide Seiten kennen und die Polizei auch ein Gesicht hat. Sie werden am Tag X vor Ort sein, sagt Wolff.

Armin Reinhold spricht davon, dass »90 Prozent der Kollegen gegen Castoren» sind und dass auch sie die Politik nicht immer nachvollziehen können. Den Atommüll aus Frankreich nach Gorleben zu bringen, damit wieder neuer Müll nach Frankreich geschafft werden kann: »Das kann doch nicht sein.» Aber: Rechtsstaatlich sei die Sache klar und die Dienstpflicht auch.

 

Bearbeitet am: 23.03.2001/ad


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