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vom 27.03.2001

»Sie rufen Parolen, sind ganz lieb»

Schülerdemo mit rund 300 Teilnehmern - Polizei hielt auf Abstand

by Dannenberg/Pisselberg. Dennis, Tobias und Sven nehmen ihre Aufgabe am Turnhalleneingang ernst. Weil es mächtig zieht und die Scheiben in Türen nicht kaputt gehen sollen, achten sie darauf, dass in der Eingangsschleuse entweder die Tür nach außen oder die Tür nach innen geöffnet wird.

Die drei sind stolz, dass die Turnhalle im Dannenberger Schulviertel »schon seit Freitag» besetzt ist und Schlafmöglichkeiten für Demonstranten von auswärts bietet, aber auch sie haben hier geschlafen. Dass die Polizei es nicht geschafft hat, diese außerordentliche Nutzung der Halle zu verhindern, war ihnen klar, »denn wir waren mehr». Zu den Regeln gehört, dass »Polizisten, Nazis und Bier» in der Halle nicht geduldet werden. Weil sie gestern Mittag weiter Wache schieben mussten, waren die drei Jugendlichen nicht bei der Schülerdemo in Richtung Pisselberg dabei. Rund 300 Jugendliche und einige Erwachsene zogen durch die Stadt - gegen den anstehenden Castor-Transport demonstrierend. »Man kann nicht alles mit uns machen», erklärte eine Schülerin. Aber auch gegen Nazis und der Kapitalismus im allgemeinen war Protestthema. »BRD/Bullen-Staat - Wir haben Dich zum Kotzen satt», stand auf dem Transparent in vorderster Reihe.

Die Polizeibeamten entlang der Straße nach Pisselberg erfuhren per Funk, was auf sie zukommt: »Sie rufen Parolen, sind ansonsten ganz lieb.» Die Einsatzkräfte waren vorbereitet, wollten verhindern, »dass uns die Schüler unnötig auf Trapp halten», reduzierten aber die »optische Präsenz» am Bahnübergang der stillgelegten Uelzener Strecke, als klar wurde, dass dort kein Zug mehr fährt. Als der Demonstrationszug dann kam, machten alle erstmal einen Stopp auf den Gleisen. Die Polizei nahm es gelassen, aber wachsam, verwarnte die Vermummten in der Gruppe, und als einige Schottersteine hoben, setzen Polizisten die Helme auf.

Mit Rockmusik und schrillem Gepfeife ging es weiter Richtung Ziel, einem Feldweg gegenüber der Abzweigung eines Wirtschaftsweges nach Nienwedel. Dort hatte seit dem Vormittag eine Gruppe Jugendlicher ausgeharrt, ihnen gegenüber am Bahnübergang die Polizei. Die sorgte dafür, dass die 50 Meter Abstand auch eingehalten wurden. Von der »Demarkationslinie» sprachen auch die jugendlichen Redner am Mikrophon. Von dort kamen eine ganze Menge linker Töne, und außerdem die Aufforderung, die Beamten sollten den Bahndamm freigeben und die »wirklichen Verbrecher fangen, wie Kohl und Siemens-Manager». Solch Revoluzzertum sowie einschlägige Worte und Bilder auf Transparenten irritierte manch auswärtigen Medienbeobachter: Ob die Schüler nicht instrumentalisiert würden? Diakon Henning Schulze-Drude, als kirchlicher Konfliktmanager vor Ort, reagierte gelassen: Das ganze sei doch ein Rollenspiel. Die einen müssten den Weg des Castors nach Gorleben sicherstellen, die anderen wollten das verhindern und so teuer wie möglich machen. Solange dieses Rollenspiel kontrolliert ablaufe, sei doch alles in Ordnung.

Und kaum angekommen, machten sich dann auch die ersten wieder auf den Weg nach Dannenberg - und gestern Abend hatte die Polizei-Pressestelle keinen Hinweis, dass die Demo nicht schiedlich-friedlich zu Ende gegangen sein sollte.

Bild: Schülerinnen und Schüler aus Dannenberg demonstrierten gestern mit einem Marsch durch die Stadt in Richtung Pisselberg gegen den anstehenden Castor-Transport. Aufn.: Ch. Beyer

Bearbeitet am: 27.03.2001/ad


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