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vom 29.03.2001

Castor im Rückwärtsgang - Demonstranten feiern Erfolg
Von Ulrich Steinkohl

Dannenberg (dpa) - Die Polizei hatte es schon geahnt: Auf seiner letzten Etappe von Lüneburg nach Dannenberg werde der Atommüllzug sicher «nicht fahrplanmäßig» rollen, prophezeite ein Sprecher am Dienstag. Doch dass der Castor-Fahrplan total durcheinander kommen würde, übertraf alle Erwartungen - nicht nur der Polizei, sondern auch vieler Atomkraftgegner.

Dies gelang weder den Sympathisanten der Anti-Atom-Initiative «X- Tausendfach quer», die sich immer wieder zu hunderten auf die Gleise setzten, noch der Minderheit militanter Autonomer. Aufgehalten wurde der schwer gesicherte Zug von den «Profis» im Kampf an der Umweltfront, den Aktivisten von Greenpeace und Robin Wood. Nur eine Hand voll führte das gut ausgestattete Aufgebot von 15 000 Beamten der Polizei und des Bundesgrenzschutzes im Wendland vor.

Auch Hubschrauber mit Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras an Bord konnten nicht verhindern, dass der Zug durch die an Gleise gefesselten und betonierten Umweltschützer gestoppt wurde und später gar den Rückwärtsgang einlegen musste - sei es auch nur, um die Begleitmannschaft auszutauschen und einen Reparaturzug auf der eingleisigen Strecke vorzulassen.

Für Rebecca Harms, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag, stand jedenfalls fest: «Das ist ein riesengroßer Erfolg für diejenigen, die die Gorleben-Bewegung seit Jahren tragen.» Und Greenpeace frohlockte über die Gleis-Aktivisten: «Damit haben sie ein Zeichen für die dritte Generation der Atomproteste im Wendland gesetzt. Wenn Bundeskanzler Schröder mit einem solchen Engagement den Atomausstieg verhandelt hätte, wären ein zügiger Ausstieg und der Stopp der Wiederaufarbeitung längst beschlossene Sache.»

Neben den Problemen auf der Bahnstrecke musste die Polizei am Mittwoch weiter gegen gewaltbereite Autonome angehen, die in Dannenberg schon in der Nacht zuvor mit Steinen und Leuchtmunition angegriffen hatten. Erstmals antwortete die Polizei dabei auch mit Wasserwerfern. Wie vorher befürchtet, suchten die Autonomen Deckung in den Reihen der friedlichen Demonstranten, die bei weitem in der Überzahl waren.

Den Beamten schlug im Wendland eine Welle der Ablehnung entgegen. Immer wieder waren Plakate mit der Parole «Besatzer raus» zu lesen. Wenn sich bei Blockaden Polizisten und Demonstranten Auge in Auge gegenüber standen, wurden regelmäßig aggressive «Haut ab, haut ab»- Sprechchöre laut. Halbwüchsige pöbelten Beamte mit Kraftausdrücken an, für die sie zu Hause von ihren Eltern vermutlich eine Tracht Prügel bekämen.

Zwar reagierten auch einzelne Beamte gereizt. Die Mehrzahl von ihnen blieb aber gelassen. Als die Polizei am Mittwoch mit einem martialisch wirkenden Konvoi aus drei Wasserwerfern, zwei gepanzerten Räumfahrzeugen und mehreren Mannschaftswagen direkt am Sammelpunkt der Atomkraftgegner in Dannenberg vorfuhr, kam per Lautsprecher die beruhigende Durchsage: «Schönen guten Tag, meine Damen und Herren. Wir haben keine Maßnahmen gegen Ihr Camp vor. Wir wollen nur hier vorbeifahren. Zeigen Sie sich bitte verständnisvoll.»

Auch die örtliche Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg wandte sich immer wieder gegen Gewalt. So kündigte sie für den «Tag X», an dem die Castor-Behälter auf der Straße von der Umladestation Dannenberg ins Zwischenlager Gorleben rollen werden, an: «Wir sind da, massenhaft und friedlich.»

Bearbeitet am: 29.03.2001/ad


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