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vom 28.09.2001

Die Spuren des Protestes sichern

Bürgerinitiative und andere gründeten den Verein »Gorleben-Archiv»

by Lüchow. Wie wichtig es ist, nach fast 25 Jahren ein richtiges »Gorleben-Archiv» zu haben, wurde Mathias Edler deutlich, als er bei der Recherche für seine Magisterarbeit BI-Dokumente sichtete: Manche Thermo-Faxe in den Ordnern im BI-Büro waren fast nicht mehr lesbar. Und weil darunter auch wichtige Korrespondenz etwa mit Behörden im Streit um Demonstrationsverbote zu finden ist, müsste man die Ordner kopieren, »sonst sind diese Dokumente unwiederbringlich weg».

Mathias Edler gehört zusammen mit Stefan Dahlmann, Asta von Oppen und Michael Seelig zum vierköpfigen Gründungsvorstand des Vereins »Gorleben-Archiv», der in diesem Sommer von verschiedenen Gruppen aus dem Anti-Atom-Widerstand - von BI bis Bauern, von Salinas bis Juristen - gegründet und ins Vereinsregister eingetragen wurde. Zu den Gründerinnen und Gründern gehören außerdem Marianne Fritzen, Lucia Wente, Ingrid und Werner Lowin, Rosi Schoppe, Birgit Huneke, Thomas Hauswaldt, Ulrike Donat und Kathrin Grassnick. Ziel des Vereins ist laut Satzung die »Sicherung und Sammlung des vorhandenen und inzwischen historisch bedeutenden Materials über den Protest gegen die Umweltgefahren im Landkreis Lüchow-Dannenberg». Wer dieses Anliegen unterstützen will, kann sich anschließen: am 30. November ist der Termin für die erste Mitgliederversammlung in Breselenz.

Der 22. Februar 1977 war der Tag der Standortbenennung Gorlebens, in den 25 Jahren seitdem hat der Anti-Atom-Widerstand im Landkreis viele Spuren hinterlassen - und das nicht nur im Büro der Bürgerinitiative. Unzählige Dokumente lagern zudem auf Dachböden, in Kellern und Scheunen und drohen in Vergessenheit zu geraten. Flugblätter, Fotos und Filme, Plakate, Protokolle und Briefe zeichnen das Bild einer sozialen Bewegung, die bis heute für ihre politischen Ziele kämpft: gegen die Errichtung eines Nuklearen Entsorgungszentrums und seiner Einzelteile und für die Beendigung der Atomenergienutzung.

Viele Namen aus den ersten Jahren des Widerstands sagen heute den später Dazugekommenen wie Edler schon kaum noch etwas. Manche, die 1977 oder auch schon 1974, bei den ersten Protesten gegen ein Atomkraftwerk in Langendorf dabei waren, sind mittlerweile verstorben. Beim Verein »Gorleben-Archiv» kann man nur hoffen, dass die Erben nichts weggeworfen haben, was eigentlich ins Archiv gehörte. Andererseits haben sich bereits viele im BI-Büro gemeldet, die ihre Sammlungen wendländischer Anti-Atom-Geschichte an einen »guten Ort» loswerden wollen.

Die Sicherung des Materials ist für die BI das allererste Ziel, gleichzeitig wird daran gearbeitet, ein öffentlich zugängliches Archiv einzurichten. Und auch wenn mittlerweile wissenschaftliche Institute und Archive aus allen Teilen der Republik - nicht immer ganz uneigennützig - ihre Mitarbeit anbieten, ist für den Verein klar, dass das Gorleben-Archiv »in unseren Händen bleibt». Und zwar, so Edler, »aus Verantwortung all denen gegenüber, die hier seit 25 Jahren Widerstand gemacht haben». Gerade der Streit um die Atommülllagerung in Gorleben sei eben noch keine Geschichte. Weder der politische Prozess noch zahlreiche juristische Verfahren sind abgeschlossen. Edler: »Es ist nach wie vor Politik, was hier passiert.»

Wissenschaftliche Aufarbeitung soll und muss sein, und auch die Öffentlichkeit soll Zugang haben. Die Vereinsgründer möchten, dass das Gorleben-Archiv nachfolgenden Generationen Anstoß geben kann, sich politisch einzumischen, ihnen deutlich macht, dass Protest zur Politik dazugehört und richtig ist. Ziel ist es auch, die Gorleben-Geschichte für Wanderausstellungen professionell aufzuarbeiten.

Ein richtiges Archiv-Haus, mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und festen Öffnungszeiten hat sich der Verein als langfristiges Ziel gesteckt. Was möglich wäre, wie zum Beispiel Partnerschaften mit Universitäten, wird derzeit noch ausgelotet und soll auf der öffentlichen Mitgliederversammlung im November entschieden werden.

Dass das Museum Wustrow unter dem Dach der Museumsverbundes auch an einer Gorleben-Dokumentationsstelle arbeitet (siehe dazu den Artikel unten) nimmt der Verein »Gorleben-Archiv» gelassen. Angesichts der Gorleben-Geschichte im Landkreis und der Tatsache, dass der Wustrower Vereinsvorsitzende bei der das Endlager bauenden DBE arbeitet, »erübrigt sich die Frage einer Zusammenarbeit», sagt Edler. Von einem »Historikerstreit» zu sprechen, scheint ihm allerdings zu hochgestochen. Aus wissenschaftlicher Sicht hält Edler die Zusammenführung von Betreiber- und Widerstandsdokumenten durchaus für wichtig. »Zuerst lebten in der Region die Menschen aus Lüchow-Dannenberg, dann kamen DWK, BLG und DBE mit ihrem Atommüll.» Deshalb ist für Edler ganz klar, wer hier wem Material zur Verfügung zu stellen hat.

Bearbeitet am: 28.09.2001/ad


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