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vom 04.11.2017


So gesehen


Nabelschau im Sand?

Von Thomas Janssen

Manchmal weiß ich nicht so recht, ob ich lachen oder weinen soll ob dessen, was in Lüchow-Dannenberg geschieht. Etwa wenn sich eine archäologische Ausgrabung den Relikten der Platzbesetzung von 1004 widmet. Klar, die hat Geschichte geschrieben, klar, sie hat Anstöße für das gegeben, was heute Zivilgesellschaft heißt. Aber ist das alles ein guter Grund, unter den Kiefern von Gorleben Archäologie zu betreiben? Können Reste von Hüttendächern oder eine Müllgrube der Polizei wirklich Auskunft geben über das, was diese Besetzung bedeutet hat? Und falls sie es können, ist der politische Konflikt, von dem solche Artefakte zeugen, wirklich so bedeutend für die Menschheitsgeschichte wie etwa die uralten jüdischen Schriftrollen von Qumran am Toten Meer oder die Wandmalereien Pompejis? Oder geht es um eine weitere wendländische Nabelschau, um die Schreibung von Mythen? Das zu fragen – es sei gesagt, obwohl‘s mir vielleicht nicht geglaubt werden wird – heißt nicht, zu sagen, dass das Anliegen des Protestes unberechtigt gewesen wäre und die Gefahren atomarer Energiegewinnung zu vernachlässigen gewesen seien oder sind. Es heißt aber durchaus zu fragen, warum in der Metamorphose des Protests zum Mythos der Glaube an die Stelle der Politik getreten ist.

Eine Antwort gibt der Leiter der Grabungen selbst: Es sei eine politische Frage, was unser kulturelles Erbe ist. In der Tat. Das, was in der Politik damals im Wendland bedeutsam war, ist es heute im ganzen Land. Die Schlagworte der Gegenwart wie Partizipation, Basisdemokratie oder das wohlfeile „Empört euch“ sind tatsächlich eng mit dem verbunden, was seinerzeit auf 1004 und darum herum geschah. Was daran deutlich wird, sei dahingestellt. Sicher ist allerdings, dass diese Schlagworte je leerer geworden sind, desto mehr sie Verbreitung fanden. Und so ist 1004 ein Gründungsmythos des wohlgesinnnten Zeitgeistes, des Traums von einer heilen Welt, in der das Gute die Oberhand gewonnen hat.

Zudem passen die Grabungen auch bestens zu der für den Zeitgeist unstrittigen Forderung, dass Wissenschaft einen direkten Nutzen haben soll. Und während in vielen Fächern die Universitäten deshalb zu einer Art besserer Berufsschule werden, bleibt ein kleiner, einsamer Rest, dem das nicht gelingt. Und nicht gelingen kann, weil ihre unmittelbare Verwertung für die Welt zumindest sehr schwierig ist: die Geisteswissenschaften. Weder für den Bau von Windrädern noch für den von Akw werden sie gebraucht. Sie sind Ergebnis der humanistischen Idee, dass Wissen auch dann einen Sinn hat, wenn es keinen Zweck hat. Dass auch das nicht zweckgebundene Wissen Ergebnisse zeitigen kann, auf indirekten Wegen, gerät heute oft in Vergessenheit: Ohne das am Beginn der Neuzeit entdeckte astronomische Wissen wäre heute, ein paar Jahrhunderte später, Raumfahrt unmöglich.

Diese Idee des Wissens um des Wissens willen ist bei der Gorlebener Archäologie in der Frage nach dem Verhältnis unterschiedlicher Quellen und den sich daraus ergebenden Einfluss auf die Ergebnisse im Hintergrund präsent. Im Vordergrund geht es darum zu belegen, dass es dann doch einen gesellschaftlichen Nutzen der Produktivkräfte auch der Geisteswissenschaften gibt, wie es so oder ähnlich im Jargon eines Nachbarstaates der Freien Republik Wendland hieß. Dazu bietet die Ankoppelung solcher Fächer an den guten, wahren und schönen Kampf gegen Gorleben bestens Gelegenheit. Schließlich muss noch jeder Glaube dem Gläubigen Symbole geben für das, woran er glaubt.

 

Bearbeitet am: 06.11.2017/ad


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