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vom 10.03.2019

Endlagersuche geht weiter

Mehr als ein Ort der Erinnerung Bohrplatz 1004 ist Thema in Platenlaase

Platenlaase (wek). Im Jahr 2021 wird sich die Gründung des Landes Niedersachsen zum 75. Mal jähren. Die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen plant hierzu im Jahr 2020 eine größere wissenschaftliche Tagung zu veranstalten. Im darauffolgenden Jahr soll ein Sammelband mit »75 Erinnerungsorten« zur niedersächsischen Geschichte veröffentlicht werden. 

Teil der oberirdischen Anlage des Erkundungsbergwerks in Gorleben. Fotomontage: BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

Ein Beispiel: Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven: Zwischen 1830 und 1974 sind über 7 Millionen Menschen aus ganz Europa über Bremerhaven in die Neue Welt ausgewandert. Das Deutsche Auswandererhaus möchte als Migrationsmuseum dieser Auswandererbewegung gedenken – und vor allem Parallelen ziehen zur gegenwärtigen Migration. Zudem will das Museum die Probleme aufzeigen, die durch Migration und Mobilität entstehen können. Seit 2012 zeigt das Deutsche Auswandererhaus deshalb auch 300 Jahre Einwanderung nach und innerhalb Deutschlands. Außerdem will das Migrationsmuseum zeigen, was passiert, wenn Neuankömmlinge auf die Mehrheitsgesellschaft treffen, da Migration die ganze Gesellschaft verändert. Sowohl im 19. und 20. Jahrhundert als auch im 21. Jahrhundert gleichen sich die Problematiken. Durch tagesaktuelle Umfragen versucht das Haus, die Besucherinnen und Besucher in der Gegenwart abzuholen, um über Migration und Mobilität aufzuklären und Lösungsstrategien anzubieten. Hierfür hat das Deutsche Auswandererhaus seit 2017 einen eigenen Ausstellungsraum: das Studio Migration. Die Freie Republik Wendland, der Bohrplatz 1004 ist auch so ein Erinnerungsort. 33 Tage lang wurde Platz besetzt, ein Hüttendorf wurde errichtet, in dessen Zentrum das Freundschaftshaus stand. Dann wurde das Dorf geräumt und von Raupenfahrzeugen platt gemacht. 

Ein Studio Demokratiegeschichte und Energiewende, der eigene Vorstellungsraum, fehlt. Attila Dészi ist gerade dabei, diesen Ort archäologisch zu vermessen. Auf einer Veranstaltung im Café Grenzbereiche in Platenlaase stellte der Hamburger Archäologe am 22. Februar, dem Tag der Standortbenennung Gorlebens 1977, eine Übersicht der ersten archäologischen Erkenntnisse und Fundobjekte vor. Die Erinnerung, die Reflexion der damals Beteiligten, die Debatte um die aktuelle Endlagersuche und die bedrückende Sonderrolle Gorlebens anzustoßen, war und ist eines seiner Ziele.

Zum Beispiel das Freundschaftshaus: Es brauchte einen Ort des Austausches, der Begegnung – das hatte man aus der Platzbesetzung in Wyhl gelernt und adaptiert. 1973 teilte das Baden-Württembergische Wirtschaftsministerium mit, dass in Wyhl, rund 20 Kilometer von Breisach entfernt, ein Atomkraftwerk errichtet werden sollte. Am 18. Februar 1975 besetzten mehrere Hundert Menschen nach einer gemeinsamen Pressekonferenz von Bürgerinitiativen den Bauplatz.

Einen Tag später räumten 6000 Polizisten den Platz, versperrten den Zugang mit Stacheldrahtsperren. Das führte zu einer enormen Gegenreaktion, am 23. Februar versammelten sich 28.000 Menschen, ein Teil der Demonstrant*innen durchbrach die Absperrungen und richtete sich auf dem Bauplatz ein – im Zentrum stand das Freundschaftshaus. Diese basisdemokratische Debatte um die angemessene Aktionsform, das Ringen um eine Verständigung zwischen „Mollis & Müslis“, ein Changieren von Meinungsführerschaft, Delegierten - und Gruppenabsprache, afrikanischem Tamtam in Vollversammlungen heißt heute „modern“ Konsensprinzip. Und gleichzeitig wird klar, dass das „Konsensprinzip“ diese basisdemokratischen Formen der Positionsfindung nur blass abbildet. Das Freundschaftshaus war auch der Ort für Begegnungen mit Neugierigen, Gästen, Gruppen – es stand für die Öffnung nach außen. Niemand wird vergessen haben, dass der Jusokongress Pfingsten 1980 unterbrochen wurde und der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder die Freie Republik Wendland besuchte. Die „Wirkkraft“ nach außen durch die 33 tägige Platzbesetzung bestand vor allem darin, die Forderungen der Anti-Atom-Bewegung bundesweit bekannt zu machen. Der Impuls kam „von unten“, vollzog sich also parteienunabhängig. Die Forderung nach dem Atomausstieg und nach dem Ende Gorlebens als Endlagerstandort war fortan eng miteinander verbunden. „Atomkraft – nein danke“ war schon ab der Standortbenennung Gorlebens als „Nukleares Entsorgungszentrum“ mit dem Slogan „Gorleben soll leben“ gepaart. 

Es gab auf 1004 folglich eine Windanlage, eine Solaranlage, freilaufende Hühner und Schweine…. Damals wurden wir als „Öko-Spinner“ verlacht. Heute sollen die regenativen Energien Kohle und Atom ersetzen und die freilaufenden Hühner beschreiben nur einen Ausschnitt des Trends weg von der Massentierhaltung. Das Emblem, die Sonne auf den Buttons und Aufklebern, steht für die Sonnenkraft, die Sonnenblumen wurden ein Markenzeichen der Ökopartei „die Grünen“, die ohne die Anti-Atom-Bewegung gar nicht denkbar gewesen wären. Die Idee, die Ausgrabungsstätte „1004“ fortan dank der Ausgrabungen von Attila Dészi unter Denkmalsschutz zu stellen, sei derzeit nicht an der Reihe, warnte Dr. Mario Pahlow vom niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.

Denn der Denkmalschutz befasse sich mit abgeschlossener Historie. Die „Zeit“ arbeite jedoch dafür, denn als Bodendenkmal sei die Grabung bereits registriert. Professor Reinhard Bernbeck aus Berlin bezeichnete die Doktorarbeit von Attila Dészi als „interventionistische Archäologie“, weil der politische Prozess, die Suche nach einem Atommülllager, nicht abgeschlossen ist und Gorleben dabei eine nicht unerhebliche Rolle spiele. Gegenwärtig kämpft die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg darum, einen Teil der festungsähnlichen Mauer rund um das „Erkundungsbergwerk“ zu erhalten.

Wenn das Gelände, unter dem das mögliche Endlagerbergwerk im Salzstock Gorleben- Rambow liegt, obertägig gefällig zurückgebaut wird, muss ein Mauerstück als „Denkmal“ für die industrie- und energiepolitischen Irrwege des letzten Jahrhunderts zurückbleiben.

Noch so ein Erinnerungsort. Auch deshalb, weil niemand vergessen darf, dass die beiden Schächte und die untertägige Infrastruktur für ein Atommülllager erhalten bleiben. Erinnern soll das Mauerstück also auch daran, dass das Ringen um Gorleben noch nicht Geschichte ist.

Wolfgang Emke

Bearbeitet am: 10.03.2019/pm


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