Stern Nr. 13/97

ATOMKRAFT

Das Desaster von Tokaimura

Beim Strahlenunfall in der japanischen Wiederaufarbeitungsanlage wurden mindestens 37 Menschen kontaminiert. Experten halten eine solche Havarie auch bei uns für möglich.

Der Schock traf Millionen von Japanern beim Abendessen. Das Fernsehen präsentierte ein Horror-Video aus der Atomfabrik Tokaimura. Ingenieure in silbrig glänzenden Schutzanzügen, mit luftdichten Helmen und Sauerstoffflaschen auf dem Rücken, liefen hilflos durch die Flure der Wiederaufarbeitungsanlage 115 Kilometer nördlich von Tokio. RoteAlarmlichterblinkten, unablässig heulten Sirenen, Wasser tropfte von der Decke. Schwer atmend bahnten sich die Nuklear techniker - Geigerzähler in Händen - den Weg durch zerborstenes Metall. »Laßt uns bloß draußen bleiben«, warnte einer, als die Gruppe schlieBlich vor die Halle gelangte' in der zahlreiche Stahlfässer mit radioaktivem Abfall lagerten. Das halbstündige Video dokumentierte den schwersten Atomunfall in der Geschichte Japans. In Tokaimura war am Dienstag vergangener Woche kurz nach zehn Uhr morgens Feuer ausgebrochen. Einerder Behälter, in denen schwach- bis mittelradioaktiver Abfall mit Asphalt vermischt wird, entzündete sich - Ursache unbekannt. Der Brand wurde offenbar nicht vollständig gelöscht. Denn zehn Stunden später barsten Stahltüren und Fenster.


Die gleiche Technik wie in Japan:
Brennelemente in einem "Abklingbecken"
im französichen
La Haugue

Vermutlich hatte der leicht brennbare Asphalt weitergeglimmt und explosive Gase entwikkelt. Aus der Halle mit den Abfallfässern entwich radioaktiver Rauch und breitete sich in einer dichten schwarzen Wolke über die Fischerdörfer an der Pazifikküste aus. Doch die Menschen in der Umgebung wurden nicht evakuiert. Die staatliche Betreiberfirma Donen leugnete anfangs den Austritt radioaktiver Strahlung, räumte ihn dann tags darauf doch ein und schob drei Tage später das Geständ- nis nach, daß die Strahlung »zehnmal höher« gewesen sei, als zunächst angegeben. »Ein Rechenfehler«, entschuldigte man sich. Und außerdem sei dabei auch noch Plutonium ausgetreten.

Das Verhalten von Donen gegenüber der Bevölkerung ist kriminell. Sie sagen den Menschen nicht wie hoch die Strahlenbelastung wirklich ist und wie viele Behälter explodiert sind«, klagt der Nuklearexperte Hideaki Takemura von Greenpeace. Der Umweltschützer vermutet, daß weit mehr als die bisher angegebenen 37 Arbeiter aus der Atom-Fabrik radioaktiven Rauch eingeatmet haben, der zu Lungen- und Blutkrebs führen kann.

Schlampen, vertuschen, leugnen: Mit dieser Politik der Atom-lndustrie haben die Japaner reichlich Erfahrung. Im Jahr 1981 etwa flossen 40 Tonnen radioaktiven Kühlwassers aus dem Reaktor von Tsuruga direkt ins Meer. Wochenlang versuchten die Offiziellen den Vorfall zu vertuschen. Im Dezember 1995 entgingen die Japaner knapp einem GAU. Im Schnellen Brüter von Monju waren drei Tonnen Natrium aus einem Kühlsystem ausgelaufen und hatten Feuer gefangen. In Verbindung mit Wasser wäre das Natrium explodiert. Die Detonation hätte den Reaktorkern gefährden können. Eine Katastrophe ähnlich wie Tschernobyl wäre möglich gewesen. Auch damals hatte die staatliche Betreiberfirma den Unfall heruntergespielt,


"Die Menschen sind voller
Wut über die Lügen und
Verschleierungsversuche
der Regierung "
LOKALPOLITIKER TAKATOSHI YAMAZAKI


die Öffentlichkeit sogar mit manipulierten Videos getäuscht. Aus Scham über die Lügen stürzte sich einer der Manager des Unternehmens aus einem Tokioter Hotelfenster in den Tod.

Dennoch setzt Japan als rohstoffarmes Land weiter auf Nuklearstrom. Doch das Desaster von Tokaimura hat ein Umdenken eingeleitet: »Dieses Unglück hat bei mir eine offene Wunde freigelegt«, sagte der einflußreiche Staatsminister Seiroku Kajiyama bei der Besichtigung der Unfallstelle, »ich habe der Atomkraft zu viel Vertrauen entgegengebracht.« Rund 30 Prozent seines Strombedarfs deckt Japan durch Kernenergie. Fünfzig Atomkraftwerke reihen sich dicht an dicht, vor allem an der steilen Westküste.

"Die Menschen sind voller Wut über die Lügen und Verschleierungsversuche der Regierung ", sagt der Lokalpolitiker Takatoshi Yamazaki, der in der Nähe des inzwischen abgeschalteten Schnellen Brüters von Monju lebt. Immerhin 15 neue Reaktoren sollen bis zum Jahr 2010 gebaut werden. Einige der Atommeiler liegen in erdbebengefährdeten Gebieten. Die Havarien haben die Menschen aufgerüttelt, immer wieder gibt es Meldungen über Risse und Lecks in Leitungen und Druckbehältern, Brüche von Brennstabhüllen und Ventilen, undichte Stellen in hochsensiblen Kühlsystemen ."Es wird zu neuen Unfällen und sogar Katastrophen kommen", prophezeit Hideaki Takemura von Greenpeace.

Auch in Deutschland sind Unfälle mit sogenanntem »bitumisiertem Atommüll« wie in Tokaimura möglich. Rund 8000 Fässer mit je 200 Litern mittelradioaktiven Atommülls aus deutschen AKWs werden in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mit Asphalt gemischt. In den nächsten Jahren sollen sie ins Zwischenlager von Ahaus in Westfalen zurücktransportiert werden. »Ein Brand und eine Explosion kann sowohl beim Transport als auch bei der Zwischenoder Endlagerung passieren«, warnt der Nuklear-Experte Gerhard Schmidt vom Öko-lnstitut in Freiburg. Dennoch habe die staatliche Reaktor-Sicherheitskommission »ohne mit der Wimper zu zucken« der Rücknahme der AsphaltFässer aus der Normandie zugestimmt. Es sei geradezu »fahrlässig«, so Schmidt, die gelben Giftfässer auf ganz normalen Güterzügen rollen zu lassen. Niemand könne die Sicherheit solcher Transporte garantieren. Der mit Atommüll durchsetzte Asphalt »entzündet sich bei 350 Grad. Dann riskiert man einen Brand, der radioaktive Stoffe freisetzt.«

GABRIEL GRÜNER


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