ddp v. 15.2. 2001

Die "Kunst des Widerstands"

Castor-Protest: reine Routine - Das Wendland ist wieder ausgebucht

Lüchow - Atommülltransporte nutzen dem Fremdenverkehr. "Dann sind wir immer ausgebucht", sagt Sabine Boeder vom Tourismusbüro in Lüchow. Vergangene Woche habe sogar ein englischer Radiosender sich nach einer Bleibe erkundigt. Berichterstatter belegen die etwa 150 Betten der Hotels und warten auf die nächste Atommüll-Lieferung für das Zwischenlager Gorleben Ende März. Mehrere 1000 Demonstranten haben sich angekündigt, und noch mehr Polizei soll zum Einsatz kommen.

Doch auch wenn die Spannung in der flachen Landschaft an der Elbe nun wieder steigt, steht letztlich eine Art Routineangelegenheit bevor. Die Mitglieder der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg haben den Widerstand durchorganisiert.

Kathrin Grasnick kennt Vorbereitungsgruppen, Aktions-Camps und mobile Küchen. Sie arbeitet stundenweise ehrenamtlich im Lüchower Büro der Bürgerinitiative, die nach eigenen Angaben gut 1000 Mitglieder zählt. Sie ist inzwischen 43 Jahre alt und schon seit 1979 "im Widerstand", wie sie sagt. Damals kam sie aus Berlin, lernte in Gorleben ihren Mann kennen und blieb. Etliche seien wie sie nach den Demonstrationen gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage 1979 und bei den Atommüll-Transporten 1995, 1996 und 1997 aufs Land gezogen.

Ihr mache der Widerstand Spaß, sagt Grasnick. "Die politische Arbeit verhindert, dass ich auf dem Land verblöde", sagt sie und schwärmt von "tollen Vorbildern" im Wendland.

Eines davon ist für viele die nunmehr 76 Jahre alte Gründerin der Anti-Atom-Initiative, Marianne Fritzen. Sie nennt die jahrelange Arbeit gegen das Atommülllager heute "auch frustrierend". Das Gründungsmitglied der Grünen trat vor einem Jahr aus Protest gegen den Atomkonsens zwischen Energieversorgern und rot-grüner Bundesregierung aus der Partei aus, die sie bis dahin im Kreistag vertreten hatte. Zum Positiven zählt Fritzen "die menschlichen Erlebnisse und wie viel sich im Wendland mit dem Protest verändert hat".

Eckhard Kruse, evangelischer Pastor aus der Gorleben-Gemeinde Gartow, sieht das ähnlich, seit er sich 1989 gezielt auf seine jetzige Stelle versetzen ließ. Er bezeichnet es als "Dialektik, wenn die negativen Anlagen von Gorleben diese spannenden Menschen hier zusammenhalten". Viele seien aus den Metropolen Hamburg und Berlin ins Wendland gezogen, als dort in den 70er-Jahren Bauern ihre Häuser aufgaben. Die wurden nicht nur zu Ferienhäusern von Städtern, sondern vielfach auch zu Residenzen von Freiberuflern und Künstlern. Das seitdem gewachsene kulturelle Leben könne sich mit dem der großen Städte vergleichen lassen, sagt Kruse.

Das sieht auch der Gartower Wolfgang Ehmke so. Früher sei die ländliche Region an der Grenze zur damaligen DDR "stockkonservativ" gewesen, sagt der 53 Jahre alte Lehrer, der Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Atomtransporte ist. Nach "drei Generationen im Widerstand" habe der Lebensstil der ganzen Region sich gewandelt.

Darum ist es für Ehmke auch nicht entscheidend, dass der kommende Castor-Transport das Zwischenlager erreicht. Für ihn ist das Wichtigste der Protest davor. Er solle "die Kunst des Widerstands zeigen". (ddp)

Bearbeitet am: 15.2.01/dm


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