Deutsche Polizei

Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei

vom Mai 2001

EDITORIAL

"Pressefritzen"

Wir danken Ihnen für die gute Zusammenarbeit. Ihre Nummer wird nun vereinbarungsgemäß gelöscht - so laute  die letzte SMS-Nachricht, die Journalisten im Castor-Einsatz in Gorleben auf ihrem Handy fanden. Für einen großen Teil der rund 500 Medienvertreter im Pressecamp an der Verladestation in Lüchow-Dannenberg genügte während des Einsatzes ein Blick auf das Handy-Display, um aktuell über Zeitpunkt und Ort von Störaktionen der Atomkraftgegner (möglichst noch vor der Polizei) informiert zu sein. Somit geriet jeder Polizeieinsatz zu einem Medienereignis. Selbstverständlich fanden die Journalisten an den Tatorten auch jeweils einen "Pressesprecher", der bereitwillig Rede und Antwort stand.

Bereits in früheren Einsätzen zollten PR-Profis der Art und Weise Respekt. wie die AntiAtomkraft-Szene die Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit für ihre Sache nutzt. Erstaunen auch über das technische und logistische Equipment, über das die Szene verfügt und das oft so garnicht zum äußeren Erscheinungsbild mancher UmweltFundamentalisten passt. Offenbar gibt es keine ökologischen Einwände dagegen, dass und wie High-tech angebaut wird.

Die Anti-Atomkraft-Öffentlichkeitsarbeit aus Anlass solcher Einsätze verfolgt das strategische Ziel, die Polizei als die Bösen (oder zumindest die Dummen) darzustellen, während die eigenen Aktionen selbstverständlich und vor allem gewaltfrei die Menschheit retten helfen. Immer wieder die gleiche Szene: Vor laufenden Kameras verhandeln engagierte Atomkraftgegnerinnen mit der Polizei über die "gewaltfreie" Auflösung der Schienenblockade, während in der dritten Reihe unbemerkt an den Gleisen gewerkelt wird. Gewalt und Straftatbestände verschwinden hinter einer Kulisse der Gutartigkeit.

Über die Bewegung mit dem Januskopf ein Bericht auf Seite 9: "Unter dem Deckmantel der Gewaltfreiheit".

Viele Jahre war die Polizei in der Geschichte der Anti-Atomkraft-Auseinandersetzungen in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit auf der Verliererseite. Viele Jahre gelang es den Atomkraftgegnern. die Polizei als Verbündete einer profitorientierten und lebensgefährlichen Industrie-Mafia darzustellen. Das hat sich geändert, seit auch die Polizei Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit mittlerweile hoher Professionalität betreibt. Die täglichen Presseberichte, die im März von der gemeinsamen Pressestelle von Bundesgrenzschutz und Polizei zum Gorleben-Einsatz verbreitet wurden, gelangten über eines der modernsten Nachrichten-Netzwerke an Zeitungen, Radio, TV und Agenturen. Mittlerweile wickeln mehr als 60 Polizeidienststellen ihre Pressearbeit über "news aktuell", einen Dienst der Deutschen Presse-Agentur (dpa), ab. Auf einer eigenen Web-Seite konnten und können Interessierte unter "www.castor2001.de" ein breit gefächertes Informationsangebot rund um den Castor nutzen. Realisiert wurde das Internetangebot im Zusammenwirken zwischen dem Einsatzbereich "Öffentlichkeitsarbeit und Konfliktmanagement" bei der Bezirksregierung Lüneburg und dem Polizeiamt für Technik und Beschaffung in Hannover. Das Internetangebot eröffnete auch ein Diskussionsforum zum Thema Castor für Gegner und Befürworter.

Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit zielte die Polizei in Lüneburg nicht nur auf die Unterrichtung der Medien ab. die durch mobile Pressestellen an den Orten des Geschehens unterstützt wurde. sondern versuchte sich erfolgreich in der klassischen Public Relations die die Herstellung positiver Beziehungen zur Öffentlichkeit zum Ziel hat. Weit im Vorfeld des Einsatzes wurden gesellschaftliche Gruppen und Institutionen angesprochen vom Kindergarten bis zur Kirche.

Nicht immer wird im Innenverhältnis das Agieren der eigenen "Pressefritzen" als ein Beitrag dazu geachtet, dass in der Öffentlichkeit die Arbeit der Polizei positiv oder zumindest verständnisvoll begleitet wird, dass bei Einsätzen wie in Gorleben nicht die Gegnerschaften eskalieren und Gewalt überbordet und dass vielleicht auch aus diesem Grunde immer mehr Kolleginnen und Kollegen unverletzt wieder nach Hause fahren können.

Rüdiger Holecek

Bearbeitet am: 22.05.2001/ad


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