Interview des

Hamburger Abendblattes

vom 20.08.2001

Bartling: 2002 nur noch ein Transport

Der niedersächsische Innenminister Heiner Bartling (SPD) hofft, dass der Castor-Widerstand im Wendland endlich nachlässt.

ABENDBLATT: Müssen wir uns daran gewöhnen, dass alle halbe Jahre im Wendland
der Ausnahmezustand ausgerufen wird?

HEINER BARTLING: Glücklicherweise nicht. Zum einen habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Proteste weniger werden. Vor allem aber haben wir inzwischen eine Einigung mit den Elektrizitätsversorgern erzielt. Von 2002 an wird es den von mir geforderten Doppelpack geben - also nur jährlich einen Transport. Das ist fest vereinbart. Die Versorger stellen das Equipment für zwölf Castoren zur Verfügung und verbessern die Rangiermöglichkeiten für einen längeren Castor-Zug vor der Umladestation.

ABENDBLATT: Was auch den Polizei-Etat entlasten wird?

BARTLING: In der Tat. Der bislang letzte Castor-Transport im Frühjahr wird haushaltsrelevante Mehrkosten von 50 Millionen Mark verursachen. Diese Summe ist mehr als doppelt so hoch wie beim Castor-Transport 1997.

ABENDBLATT: Mit welchem Widerstand rechnen Sie im Herbst?

BARTLING: Wir gehen von einer ähnlich schwierigen Situation wie im Frühjahr aus. Das entspricht auch den Aufklärungsergebnissen der Polizei. Entsprechend gehen wir auch wieder von 18 000 Beamten aus, die aufgeboten werden müssen.

ABENDBLATT: Besteht die Gefahr, dass die Globalisierungsgegner die Transporte stärker als Demonstrationsziel entdecken?

BARTLING: Die Gefahr besteht. Ich habe da zwar keine konkreten Hinweise, aber es gibt eben auch bei den Globalisierungsgegnern keine Organisationsstrukturen mit Internet-Auftritten, die solche Rückschlüsse möglich machen. Aber es gibt eine geistige Nähe des Protestes, weil auch die Nutzung der Kernenergie und die Transporte quer durch Europa etwas zu tun haben mit einer globalisierten Wirtschaft.

ABENDBLATT: Wie konkret ist die Gefahr, dass auch Rechtsextremisten mobil machen?

BARTLING: Dagegen wehren sich glücklicherweise die Bürgerinitiativen selbst energisch. Im Frühjahr zumindest sind Aufrufe der Rechtsextremisten ohne Erfolg geblieben. Die haben mit ihrem ideologischen Überbau zudem Schwierigkeiten, gegen die Transporte zu mobilisieren.

ABENDBLATT: Wann rollt der Transport genau?

BARTLING: Da sage ich natürlich öffentlich nichts Genaues. Aber das Zeitfenster ist nicht groß, weil noch weit in den Oktober hinein in vielen Bundesländern Herbstferien sind und die Euro-Einführung etwa von Mitte November an starke Polizeikräfte bindet.

ABENDBLATT: Ihr größter Wunsch in diesem Zusammenhang?

BARTLING: Das wir mehr Polizisten vor Ort haben als gebraucht werden, die Kernkraftgegner die Realitäten zur Kenntnis nehmen und künftige Transporte kontinuierlich mit immer weniger Aufwand auskommen.

Interview: LUDGER FERTMANN © 20.8.2001, Hamburger Abendblatt

Bearbeitet am: 21.08.2001 /ad


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