HANNOVERSCHE/PEINER ALLGEMEINE ZEITUNG 9.2.2001

Von Heinrich Thies, Lüchow, 09.02.2001 19:27 Uhr

Adlige, Bauern und Bunte im Kampf vereint

Das Wendland bereitet sich mal wieder auf den "Tag X" vor. Der "Tag X" ist in der Sprache der Atomgegner der Tag, an dem die Atommüll-Behälter Marke Castor nach Gorleben rollen. An Zäunen und auf Dächern prangt in den Rundlingsdörfern schon jetzt das gelbe "X" - das Zeichen des Widerstands. Es erinnert an mittelalterliche Pestsymbole.

Auch sonst mehren sich die Protestsignale. "Ein Landkreis putzt sich raus" lautet das Motto. "Wir stellen uns quer", heißt die Devise auf Plakaten und Hauswänden. Besonders beliebt ist das Motiv mit dem Slogan "Niemals aufgeben": Es zeigt einen Frosch im Schnabel eines Storchs, der seinen Widersacher mit letzter Kraft erwürgt.

Protestzubehör dieser Art ist im Büro der Bürgerinitiative Umweltschutz in Lüchow zu haben. Auch zum Anziehen ist manches dabei. Zum Beispiel T-Shirts - von der heiteren Ausführung mit dem Spruch "Gorleben soll leben" bis zur autonomen Kapuzenjacke mit dem Aufdruck "Castor Alarm". Jede Zielgruppe wird bedient: ein T-Shirt für die "Sportler im Wendland" ("Fit gegen Castor"), ein Halstuch für Kirchentagsbewegte. Dabei ist die Widerstandsbewegung im Wendland noch vielfältiger, als es die Textilien erahnen lassen. Die einen wohnen im Schloss, die anderen im Bauwagen.

Bauern und Bunte, Adlige und Autonome, Pastoren und Physiker, Grüne und Schwarze, Alteingesessene und Zugereiste sind vereint in der Bürgerinitiative Umweltschutz, die sich seit mehr als 20 Jahren gegen die Atomindustrie stemmt. Dadurch hat sich im Landkreis Lüchow-Dannenberg eine Kultur des Widerstands etabliert, die ihresgleichen sucht. Als Förderer der schönen Künste ist vor allem Andreas Graf von Bernstorff aus Gartow hervorgetreten, der im Umkreis von Gorleben 6000 Hektar Wald besitzt. Der Musikliebhaber und Forstwirt hat sich seine Ablehnung der Atomprojekte schon einiges kosten lassen. 30 Millionen Mark hätte er für 600 Hektar Kiefernwald bekommen können, wenn er sein Ja zum Bau der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage gegeben hätte - das Zehnfache des geschätzten Werts. Doch der Schlossherr aus Gartow hat darauf verzichtet. "Als Landbesitzer empfinde ich auch eine Verantwortung gegenüber künftigen Generationen", sagt der 58-Jährige, der vor allem auf juristischem Feld agiert. Von Bernstorff führt seine Salzrechte gegen den Bau eines Endlagers ins Feld.

Auch bei den Protestaktionen hält sich der Graf nicht vornehm zurück. Während des Castor-Transports vor vier Jahren fuhr er mit Hund und Familie in seinen Wald und sägte einen Baum um, der dann - wohl nicht ganz zufällig - auf die Transportstrecke fiel. Auch diesmal will er wieder mitmachen - vielleicht als Treckerfahrer bei der geplanten "Stunkparade". Auf die Schienen würde er sich zwar nicht legen, sagt er. Aber Verständnis habe er dafür. "Ich bin für alle Formen des passiven Widerstands. Schienen zu demontieren, lehne ich dagegen ab. Das ist nicht so meine Art."

Hans Erich Sauerteigs Begriff von grenzüberschreitenden Widerstandsformen ist da sehr viel weiter gefasst. Der frühere Sonderschullehrer ist vor 22 Jahren von Berlin ins damalige Hüttendorf "Republik Freies Wendland" übergesiedelt und seither im Kreis geblieben. Seit 1981 ist Sauerteig Miteigentümer des Gasthofs Meuchelfitz, eines alternativen Kommunikationszentrums mit Kneipe und Tagungshaus. Auf dem angeschlossenem Bio-Hof werden für den Eigenbedarf Schweine und Rinder gehalten. In diesen Tagen hat die Polizei den alternativen Gasthof wieder verstärkt ins Visier genommen. Sie vermutet militante Autonome darin. Als vor wenigen Tagen ein Polizeibully vorfuhr, haben die Gasthofbetreiber kurzerhand den Schlüssel "beschlagnahmt", wie Sauerteig es ausdrückt. Daraufhin rückte zwar zunächst eine Hundertschaft an, doch schon wenig später einigte man sich über die Beendigung der Polizeibesuche. "Man kann nicht immer nur den vorgegebenen Rahmen einhalten", erklärt der 55-Jährige beim Holzhacken. "Man muss auch mal ein Gesetz übertreten, um seinen Freiraum zu behaupten."

Mit ihren Ansichten über begrenzte Gesetzesverstöße sind die Meuchelfitzer Alternativen gar nicht so weit von manchen einheimischen Bauern entfernt. Auch die "Bäuerliche Notgemeinschaft" hat in den vergangenen Jahren immer wieder durch Aktionen zivilen Ungehorsams von sich reden gemacht. Die Landwirte kippten Stroh und Mist auf Straßen und blockierten mit Treckern Transportstrecken. Aus den Reifen, die ihnen die Polizei zerstach, bauten sie ein Mahnmal. "Die Gesetze sind ja nicht vom Himmel gefallen", sagt Bauer Hermann Bammel aus Schlannau in der Clenzer Schweiz. Weil er sich 1999 an der Besetzung des Info-Hauses in Gorleben beteiligte, ist immer noch eine Klage wegen Hausfriedensbruchs gegen ihn anhängig. Sogar gefesselt sei er schon mal anderthalb Stunden lang gewesen, erzählt der 61-jährige Landwirt, der äußerlich so gar nichts von einem Rebellen hat. Wie ein Sturm sei die Anti-Atombewegung durch den Landkreis gefegt, meint Bammel. "Die Ansichten haben sich stark gewandelt, viele sind auf Öko-Landbau umgestiegen, die CDU hat ihre Mehrheit verloren." In der Tat: Von einstmals 60 auf 35 Prozent ist der Anteil der CDU auf Kreisebene geschrumpft. Ein atomkritisches Bündnis aus SPD, FDP, Grüner Liste und Unabhängiger Wählergemeinschaft bildet derzeit die Mehrheit im Kreistag . Auch Marianne von Alemann ist geprägt von der Anti-Atombewegung. "Das war eine großartige Bereicherung für mich, diese jungen Leute kennenzulernen", sagt die 71-Jährige, die der "Initiative 60" angehört, einer Gruppe von ergrauten Atomkraftgegnern, von denen manche schon die 80 überschritten haben.

"Außenstelle der Republik Freies Wendland" steht auf einem Schild am Gartenzaun. "Wasserwerfer, Gummiknüppel und chemische Keule haben mein Verhältnis zur Staatsgewalt verändert", sagt die Witwe aus dem Dorf Prezier, die Absprachen mit der Polizei für "Quatsch" hält. "Eine kaputte Straße kann man wieder reparieren, ein Atomunfall ist irreparabel." Für vermummte Steinewerfer aber hat die Anti-Atom-Veteranin kein Verständnis. "Wir sind auch auf die Autonomen angewiesen. Aber sie müssen die Widerstandsformen, die hier auf dem Lande möglich sind, mittragen." Doch Marianne von Alemann kann schon verstehen, "dass man in Wut gerät, wenn zum Beispiel die Polizei Hunde auf Menschen hetzt". Groß ist in den Augen der früheren Düsseldorferin aber auch die Wut auf die rot-grüne Bundesregierung. "Wenn man so große Hoffnungen hatte, dann ist man schon bitter enttäuscht."

Wie viele andere im Kreis hat sich auch Marianne von Alemann von den Grünen verabschiedet. Die Aufforderung von Umweltminister Jürgen Trittin, auf Castor-Blockaden zu verzichten, hält sie für eine Frechheit. Auch die Rest-Grünen im Landkreis wollen sich über den Trittin-Aufruf hinwegsetzen. Francis Althoff von der Bürgerinitiative Umweltschutz befürchtet bereits, dass der Umweltminister zum zentralen Feindbild der Castor-Proteste werden könnte. "Niemand spricht mehr von Schröder und der Atomindustrie", sagt der Musiker mit den schulterlangen Haaren.

Schadenfreude bekunden dagegen die Mitarbeiter des Gorlebener Brennelementelagers. "Die Kollegen grinsen sich einen, dass Trittin so auf die Schnauze gefallen ist", sagt Betriebsrat Wilfried Pasternok. "Erst hat er die Leute aufgehetzt, und jetzt sind es auf einmal keine bösen Castoren mehr, sondern gute." Der Ärger über Trittin immerhin verbindet neuerdings Atomgegner und Gorleben-Beschäftigte im Wendland.

Bearbeitet am: 12.2.01/dm


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