Neue Energie
Magazin für erneuerbare Energien

März 2001

Auf dem Weg zu 100 Prozent

Landkreis Lüchow-Dannenberg setzt auf Windkraft und Biomasse
von Christian Hinsch

Die Wellen der Empörung schlagen - wieder einmal - recht hoch im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Während Bundesumweltminister Jürgen Trittin die unmittelbar bevorstehenden CastorTransporte von der französischen Aufbereitungsanlage in La Hague ins atomare Zwischenlager Gorleben für "notwendig" hält, regt sich Unmut in der Region im äußersten Nordosten Niedersachsens. Würden wir jetzt aufhören zu protestieren", so die Einschätzung der Bürgerinitiativen vor Ort, "dann könnten wir das atomare Endlager gleich selbst eröffnen." Die Atomkraftgegner befürchten, dass ohne Widerstand aus dem Zwischen- im Handumdrehen ein Endlager wird. Zigtausende Castor-Gegner - und sicherlich eine gleiche Anzahl an Polizisten und Beamten des Bundesgrenzschutzes -werden deshalb Ende März im Wendland erwartet.

Seit Jahren ganz vorne mit dabei im Kampf gegen die atomare Entsorgung im geologisch umstrittenen Salzstock unweit der Elbe: Dieter Schaarschmidt. Der 44-jährige Energieberater aus Güstritz bei Lüchow ist seit über 20 Jahren im Wendland zu Hause und hat sich nicht nur als grüner Kommunalpolitiker einen Namen zwischen Lüneburg und Salzwedel gemacht. Schaarschmidt organisiert als Geschäftsführer auch die Aktivitäten der Wendland Wind GmbH, die seit 1996 drei AN Bonus-Anlagen mit je 600 Kilowatt Nennleistung betreibt (NEUE ENERGIE 1/2000).

Doch Windkraft und Atommüll sind nicht alles für den gebürtigen Hamburger."In 10 bis 15 Jahren wollen wir den Landkreis Lüchow-Dannenberg zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen", lautet Schaarschmidts Vision. DieVoraussetzungen sind nicht schlecht: Die 52.000 Einwohner des Landkreises verteilen sich über 1.200 Quadratkilometer, die Bevölkerungsdichte liegt mit 43 Einwohnern pro Quadratkilometer weit unter dem Bundesdurchschnitt von 230. Dezentrale Energiesysteme scheinen da wie geschaffen für eine Region, die überwiegend von land- und forstwirtschaftlichen Flächen geprägt wird, und in der es nur wenige Industriebetriebe gibt.

Bei einer ersten überschlägigen Berechnung wurde schnell deutlich, wo die größten Schwierigkeiten warten: bei der Wärmeversorgung und vor allem beim Verkehr_ 100 Prozent Strom schaffen wir relativ einfach", sagt Schaarschmidt, "aber in den beiden anderen Bereichen müssen wir uns ganz schön anstrengen." Stichwort Wärme: Viele Gebäude im Wendland sind alt und haben nur eine schlechte Wärmedämmung -"da müssen wir über die Bauordnung ran", weiß Schaarschmidt. Immerhin: Erste Investoren bauen bereits moderne Solarsiedlungen in der Region.

So errichten die Stadtwerke Dannenberg, die zu 51 Prozent dem Mannheimer Kommunalversorger MVV Energie AG gehören, demnächst die Ökosiedlung "Querdeich". Zur Energieversorgung wollen die Stadtwerke alle Gebäude im zwei Hektar großen Neubaugebiet mit Solarmodulen ausstatten:Auf einer Gesamtfläche von rund 2.500 Quadratmetern entsteht somit eine 240-kW peak-Anlage, eine der größten in ganz Norddeutschland.Auch Biomasse wird in den Niedrigenergie- und Passivhäusern, die im Oktober fertig sein sollen, zum Einsatz kommen.

Die Solarsiedlung ist ein Baustein, um das ehrgeizige 1 00-Prozent-Ziel zu erreichen: Für Dieter Schaarschmidt, den Macher aus dem Wendland, ist im Ansatz bereits klar, wie es weiter geht: "55 Prozent Biomasse, 15 Prozent Windkraft und der Rest vor allem durch Energiesparen und rationellere Energienutzung." Diese Zahlen haben Schaarschmidt und Elektroingenieur Christian Lutz, der derzeit im Wendland den Verein WendenEnergie e.V. aufbaut, zusammengetragen. Einige konkrete Vorstellungen existieren bereits (siehe Kasten). "Wir denken, dass wir rund 60 Megawatt Windkraft 20 MW Biogas und rund 30 MW feste Biomasse, im Wesentlichen Holz, aufbauen können", haben die beiden Ökoaktivisten ermittelt.

Großes Sorgenkind ist der Autoverkehr

Der Bau von zwei Biogasanlagen, je eine bei einer Großschlachterei und bei einer Kartoffelstärkefabrik, sowie eines Holz-Biomasse-Kraftwerkes bei einem größeren Kräuterund Gewürzfabrikanten steht unmittelbar vor der Tür. Insgesamt sind rund 50 dezentrale Hof- und Gemeinschafts-Biogasanlagen geplant. Bei der Windkraft geht das Projektteam davon aus, dass sich auf 18Wind-Vorranggebieten im Landkreis mittelfristig 70Windturbinen der Megawatt-Klasse aufbauen lassen. Dazu kommt ein bisschen Wasserkraft:An Jeetzel und Elbe ließen sich rund zwei Megawatt reaktivieren. Die benötigten Investitionskosten für das Programm im Strombereich liegen bei rund 420 Millionen Mark. 70 bis 80 Prozent müssten private Investoren finanzieren, den Rest soll das Land Niedersachsen (fünf bis zehn Prozent) sowie die rot-grüne Bundesregierung über das Marktanreizprogramm (15 bis 20 Prozent) beisteuern.

Doch während die Ökostrom-Frage lösbar erscheint, stellt neben dem Wärmebereich besonders derVerkehrssektor die Wandlungen vor große Aufgaben: Die "mobile Flotte" im Landkreis besteht aus 29.000 PKW, 4.000 landwirtschaftlichen Maschinen sowie 1.800 Lastwagen sowie einigen wenigen Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs. "Der Kraftstoffbedarf liegt bei jährlich knapp 50 Millionen Litern", so Lutz. Um hier einen hundertprozentigen Anteil an Ökotreibstoffen zu erreichen, müsse man

Bus und Bahn ausbauen. "Außerdem setzen wir natürlich darauf dass die Spritpreise in den nächsten Jahren weiter ansteigen, so dass sparsamere Fahrzeuge sich stärker durchsetzen werden", ergänzt Schaarschmidt.

Die ersten Schritte des ehrgeizigen Projekts, an dem sich neben der federführenden Kreisverwaltung Lüchow-Dannenberg auch die Niedersächsische Energieagentur, der Regionalversorger Avacon AG (eine E.OnTochter), die Gesellschaft für Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung, die Universität Lüneburg sowie der Fachverband Biogas und Schaarschmidts Beratungsbüro ReEnergie Wendland beteiligen, finanziert die Europäische Gemeinschaft: In einem "Altener"-Projekt, das im April startet, sollen in den nächsten 18 Monaten der Ist-Zustand bestimmt und das genaue Potenzial für erneuerbare Energien ermittelt werden. Danach will Schaarschmidt Maßnahmen einleiten. "Die Motivation der Bevölkerung zum Mitmachen steht dabei ganz oben auf der Liste", so der Energieexperte, der nach Abschluss des ersten Projektes gleich ein neuesVorhaben mit Demonstrationsanlagen nachschieben will: "Die Leute müssen sehen, dass was passiert. Sonst ist die Energie schnell verpufft."

Lokale Agenda 21 als Ideenquelle

Mit dem ehrgeizigen 1 00-ProzentZiel befindet sich Lüchow-Dannenberg übrigens in guter Gesellschaft: Insgesamt 100 Kommunen, die sich vollständig regenerativ versorgen wollen, unterstützt die EU im Rahmen ihrer Kampagne für den Durchbruch der erneuerbaren Energien ("Campaign for Take-Off'), die noch bis 2003 läuft. Zu den Kandidaten gehören neben den Wendländern - mehrere schwedische Städte, unter anderem Växjö und Malmö, das niederbayerische Dorf Furth bei Landshut (NEUE ENERGIE 9/2000) sowie die drei Ostseeinseln Samsoe, Aerø (beide Dänemark) und Gotland (Schweden). Im vergangenen Oktober erhielten Schaarschmidt und seine Projektpartner für ihr ambitioniertesVorhaben auf einer europäischen Konferenz im französischenToulouse sogar dieAuszeichnung "European Community Award for Renewable Energy Sources".

Doch zurück in den ländlichen Zipfel Niedersachsens, der Jahrzehnte lang von der ehemaligen DDR umschlossen war und bundesweit vor allem wegen des atomaren Zwischenlagers Gorleben Schlagzeilen machte. "Die Menschen hier waren schon immer sehr sensibel, wenn es um das Thema Energie ging", weiß Marlene Sieck. Die Beauftragte für die "Lokale Agenda 21 " koordiniert das EU-Projekt bei der Kreisverwaltung in Lüchow. Nur dank der guten Vorarbeit sogenannter "Runder Tische", die sich im Rahmen eines bundesweiten Projektes zur Jntegrierten Umweltberatung" gebildet hatten, sei es möglich gewesen, das 100-Prozent-Projekt auch auf politischer Ebene anzustoßen. Immerhin habe der Kreistag 1999 einstimmig beschlossen, sich um eine Teilnahme an der europaweiten "Take-Off"-Kampagne zu bewerben.

Das ist nicht selbstverständlich in einer Region, in der der Streit um die Atomkraft tiefe Gräben zwischen den Einwohnern gerissen hatte_Erst langsam gelingt es uns, diese Gräben dank der gemeinsamen Ökoprojekte wieder zuzuschütten", freut sich Schaarschmidt. Selbst diejenigen aus dem Wendland, die vor Jahrzehnten ihr Land für den Bau der Atomanlagen zurVerfügung gestellt hatten, lassen sich heute beispielsweise für Biogasanlagen begeistern. Und vielleicht", so Schaarschmidt, "gelingt es uns ja auch eines Tages, auf dem Gelände des Endlager-Erkundungsbergwerkes ein Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien einzurichten, statt Atommüll einzulagern." Dann würde sich wahrscheinlich auch Umweltminister Trittin wieder ins Wendland trauen.

Ziele der "Compaign for Take-Off' (1999 - 2003)
  • 1.000.000 Photovoltaik-Anlagen
  • 15 Millionen m² Solarkollektor-Fläche
  • 10.000 MW Windkraft-Leistung
  • 10.000 Mwth. aus Biomasse-Heizkraftwerken
  • 1.000.000 mit Biomasse beheizte Wohneinheiten
  • 1.000 MW Biogas-Leistung
  • 5 Mio.Tonnen Biotreibstoffe
  • 100 Kommunen, die sich zu 100 % regenerativ versorgen

Quelle: EU-Weißbuch "Erneuerbare Energieträger"

Energiebilanz im Landkreis Lüchow-Dannenberg

jährlicher Bedarf
Raumwärme Warmwasser Strom Kraftstoffe
2.490 TJ 280 TJ 350 GWh 50 Mio. Liter
 

Jährliches Erzeugungspotenzial

Einergieträger Wärme Strom Treibstoff
Holz/Biomasse: 2.000 TJ 66 GWh -
Biogas:  300 TJ 100 GWh 2 Mio. Liter
Energiepflanzen:  14 TJ 2 GWh 15 Mio. Liter
Windenergie: - 126 GWh -
Wasserkraft: - 5 GWVh -
Solarthermie: 70,2 TJ - -
Photovoltaik: - - 6,4 MWh -

(alle Werte grob geschätzt, I TJ = 278.000 kWh

Weitere Infos:

ReEnergieWendland
Dieter Schaarschmidt
Landstraße 6
29462 Güstritz
Tel.: 05843-444
Wendland-Wind@t-online.de

Kreisverwaltung Lüchow-Dannenberg
Marlene Sieck
Königsberger Str. 10
29439 Lüchow
Tel.: 05841-120-445
Fax: 05841-120-278

Bearbeitet am: 10.05.2000/ad


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