Ex-Grün gegen Grün

Von Harald Biskup

Lüchow - Es ist schon ziemlich lange her, da hat die Heimatzeitung sie einmal als die "Jeanne d'Arc des Wendlandes" tituliert.

Die gebürtige Elsässerin, die einst aus Paris in den letzen Winkel des niedersächsischen Zonenrandgebiets gekommen ist, findet den Ehrentitel "einfach ätzend".

Aber Marianne Fritzen ist nun einmal eine der Symbolgestalten des Widerstandes gegen Atomkraft, vor allem aber hat sie die Grünen in der Region mitgegründet, deren Geschichte und Selbstverständnis untrennbar verbunden sind mit Gorleben.

Irgendwann war auch sie wegen der ewigen Debatten ein wenig kampfesmüde geworden.

Kaum jemals aber ist ihr Widerspruchsgeist, obwohl sie demnächst 77 wird, größer gewesen als jetzt, da sie meint, durch das "heuchlerische Demonstrationsverbot" der Grünen-Spitze an zwei Fronten streiten zu müssen.

Eigentlich könnte es ihr ziemlich gleichgültig sein, was der Grünen-Parteirat Ende Januar mit acht zu zwei Stimmen beschlossen und was der grüne Umweltminister in einem Schreiben an die niedersächsischen Kreisverbände bekräftigt hat: dass Parteimitglieder sich nicht an Blockaden gegen den Ende März geplanten nächsten Atommüll-Transport nach Gorleben beteiligen sollten.

"Die Hütte brennt"

Besonders ein Satz aus dem Trittin-Brief hat sie wie viele alte Kämpen der wendländischen Basis maßlos erbost: "Nur weil jemand seinen Hintern auf die Straße setzt, finden wir das noch nicht richtig."

Es könnte Marianne Fritzen, wie gesagt, egal sein, wenn bei den Grünen "die Hütte brennt", wie es ein junger Kreistags-Abgeordneter im Lüchower Gildehaus ausdrückt.

Denn sie hat aus Protest gegen den Atomkonsens ("ein Verrat an der Basis") die Grünen verlassen, nach einem "schmerzlichen Abnabelungsprozess".

Alle "Radaubrüder" aus der Kreistagsfraktion folgten ihrer Vorsitzenden in die unabhängige Grüne Liste Wendland (GLW).

"Basisdemokratie und Atomausstieg - sind das früher nicht mal grüne Essentials gewesen?" fragt sie spitz.

Längst hätten "Trittin & Co" ihre Wurzeln vergessen. Gegen den Umweltminister entlädt sich der Zorn am heftigsten. Am ärgerlichsten sei, findet Jutta von dem Bussche, langjährige Mitstreiterin in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg (BI), dass er sich schulmeisterlich und autoritär gebärde, wenn er die Atomgegner vor Protesten warne.

"Warnen", empört sich die engagierte Freifrau, "das ist die Sprache der Polizei." Trittins "Verantwortungs-Gequassel" über notwendige Castor-Rücktransporte, sagt der Anti-Atom-Aktivist und Ex-Grüne Heinrich Messerschmidt, "muss all diejenigen erschüttern, die noch an ihn geglaubt haben."

In einem Leserbrief im Lokalblatt schreibt Messerschmidt, ein pensionierter Diplomingenieur und in der BI Fachmann für geologische Fragen, mit welcher Unbekümmertheit der Umweltminister Ängste der Bevölkerung vor atomarer Strahlung "in unseliger Kontinuität" beiseite wische.

Beim Backen, hatte Vorgängerin Angela Merkel einst beschwichtigt, gehe halt schon mal ein wenig Backpulver daneben.

Messerschmidts Einfamilienhaus gegenüber der Lüchower Molkerei ist mit einem braunen Jägerzaun eingefriedet, im Wohnzimmer dominiert Eiche rustikal. Der Widerstand im Wendland ist gutbürgerlich.

Seit einer halben Ewigkeit ist auch das evangelische Pfarrhaus von Hitzacker eines dieser zahllosen kleinen Widerstandsnester in der Region. Gereizter als früher sei die Stimmung, findet Egon Maierhofer, der streitbare Pastor, "und noch ein Stück entschiedener".

Die Menschen im Wendland, von denen viele zumindest mit den "grünen Idealen" sympathisierten, nähmen es der Partei "gewaltig übel, dass sie sich den Stromkonzernen gegenüber so willfährig zeigten und dabei noch meinen, sie täten etwas Gutes".

Viele sagen in diesen Tagen, und auch Maierhofer pflichtet dem bei, dass die Wut auf Rot-Grün größer ist als auf die Kohl-Regierung.

"Es ist psychologisch eben ein großer Unterschied, ob mich mein Vater ein entfernter Nachbar, von dem ich nichts anderes erwartet habe."

Am wenigsten können die Menschen, von denen viele seit 20 Jahren im Zeichen der Sonnenblume gegen die Einlagerung radioaktiven Giftmülls kämpfen, die Unterscheidung zwischen gutem und bösem Protest nachvollziehen.

Sitzblockaden gegen den Transport der sechs Glaskokillen aus der französischen Wideraufarbeitungsanlage La Hague - nein?

Ziviler Ungehorsam gegen Gorleben als ein atomares Endlager - wenn' s sein muss, ja? Mit ihrem offiziellen Atomkurs bringt die Parteispitze die Grünen vor Ort in große Erklärungsnöte.

Martina Lammers, 34, die Vorsitzende des Kreisverbandes Lüchow-Dannenberg, ist überzeugt, dass solche Appelle "höchstens das Gegenteil bewirken, Immer mehr Leute sagen: Jetzt erst recht".

Hilfe von Brecht

Wenn es noch eines Mobilisierungsschubs bedurft hat, dann ist der durch die Verhaltensmaßregeln aus Berlin erfolgt.

In Wirklichkeit gehe es ja nicht, wie von Trittin behauptet, um die Rücknahme von Altlasten, "sondern um Müllvermehrung".

"Wir befürchten einfach, dass Gorleben als Endlager-Standort zementiert wird - durch jeden Transport ein bisschen mehr." Bei einer Diskussion über Strahlenschutz im Lüchower Gemeindehaus sind sie alle da, Heinrich Messerschmidt, Jutta von dem Bussche und auch Marianne Fritzen, die Anführerin der Abweichler.

Als sie neben der jungen Kreisvorsitzenden Platz nimmt, umarmen die beiden Frauen einander, die Mutter und Tochter sein könnten.

Getrennt marschieren, vereint kämpfen. "Die in Berlin", sagt Martina Lammers leise, "sollten unsere Stärke und Geschlossenheit nicht unterschätzen."

Jemand auf dem Podium zitiert Brecht: "Lasst uns das tausend Mal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt werde."

Nein, sie werden keine Ruhe geben, sie werden nicht kuschen in Wendland.

Bearbeitet am: 16.2.01/dm


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