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Nr. 2/2005

Wie England im Oktober 1957 haarscharf an einer atomaren Katastrophe vorbeischrammte

WINDSCALE

Von MARKUS FRANKEN

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Für Windscale-Manager Tom Thuohy war es eine patriotische Mission,
England zur Atombombe zu verhelfen - mit Plutonium aus dem neuen Reaktor.

 

Freitag, der 11. Oktober 1957, ist ein leuchtend warmer Herbsttag. Am Strand der Irischen See haben die Einheimischen die Picknickkörbe ausgebreitet, es riecht nach Meer und freiem Wochenende. Tausende Atomwerker leben an der einsamen Küste Westenglands, sie arbeiten im größten Nuklearkomplex Europas. Windscale - das ist ein Synonym für die britische Atombombe. Die Physiker, Chemiearbeiter und Büroangestellten haben sich ein neues Leben im Schatten der Schornsteine eingerichtet und genießen am Strand oder in den Vorgärten ihrer Reihenhäuschen die letzten schönen Tage des Jahres 1957. Sie sehen die radioaktive Wolke nicht, die über den Strand Richtung Sonnenuntergang zieht. Schon seit drei Tagen spielt Windscale verrückt, kämpft die Mannschaft in Großbritanniens erstem Atomreaktor um Leben und Tod. Plötzlich und unerwartet ist eine Routineprozedur in eine Nuklearkatastrophe umgeschlagen.

Am Montag, den 7. Oktober 1957, bereitet sich Chefphysiker Ian Robertson darauf vor, den Windscale-Reaktor Nummer i herunterzufahren. Es ist kurz nach Mitternacht. Mindestens einmal im Jahr muss die Plutoniumproduktion im ältesten Reaktor unterbrochen werden. Denn der hat einen Tick: Durch den dauernden Neutronenbeschuss der riesigen schwarzen Graphitblöcke im Kern, in welche die Brennstäbe geschoben werden, staut sich Energie auf, die regelmäßig durch eine gezielte Aufheizung abgelassen werden muss. Etwa so, als würde man eine Muskelverspannung durch eine Wärmebehandlung lösen. Achtmal hat das seit dem Start der Anlage 195o funktioniert. Eine einfache Sache, wenn man aufpasst, dass die Brennelemente beim Hochkochen der Anlage nicht zu heiß werden und Feuer fangen. Bisher ist diese so genannte WignerEntladung noch jedes Mal gut gegangen.

Um 1.13 Uhr morgens gibt Robertson Anweisung, die Steuerstäbe in den Reaktor zu fahren. Die Elektromotoren laufen an, langsam kriechen die armdicken Stäbe von oben in den Kern der Anlage und würgen die atomare Kettenreaktion planmäßig ab; der Reaktor kühlt aus. Robertson überprüft die 64 Temperaturfühler. Ihre Messwerte pegeln sich in den kommenden Stunden zwischen 20 und 3o Grad Celsius ein. Alles läuft vorschriftsmäßig. Am frühen Abend, exakt um 19.25 Uhr, beginnt die Aufheizung für die Wigner-Entladung. Die Atomwerker schalten die Kühlung ab und ziehen die Steuerstäbe aus dem Reaktorherz. Jetzt schießen die Neutronen wieder ungehindert durch die Graphitblöcke. Drei Tage sind für die Operation eingeplant, dann soll wieder „business as usual" herrschen: Plutoniumproduktion für das britische Atombombenprogramm.

Robertson und sein Assistent Victor Goodwin sitzen im Kontrollraum und inspizieren die Anzeigen der zahllosen Monitore und Messnadeln. In der Mitte des Raumes sitzt der Operator hinter einem brusthohen Pult, die zuckenden Zeiger immer im Blick. Links von ihm die Knöpfe für die Luftkühlung, vor ihm die Regler für die Kontrollstäbe. Die Temperaturanzeige klettert langsam und gleichmäßig.
Chefphysiker Robertson überlässt die Routine weitgehend Victor Goodwin. „Vic" gilt als alter Hase an der Schaltwarte. Er heizt den Reaktor bis auf 25o Grad auf und drosselt dann die atomare Kettenreaktion. Durch Freisetzung der gespeicherten Wigner-Energie soll die Temperatur des Graphitkerns weiter bis auf 330 Grad klettern - die reguläre Spitzentemperatur. Doch am Morgen des 8. Oktober sieht es für Goodwin aus, als würde die Hitze im Kern wieder sinken. Zu früh! Die Temperatur scheint unter dem 33o-GradLimit zu verharren. Goodwin entscheidet, das Graphit ein zweites Mal hochzukochen.

Der Graphitblock, groß wie ein Londoner Mietshaus, verbirgt sich unter einem Mantel aus Betonwänden. Keine Kamera zeigt Victor Goodwin, wie es im Herzen des Reaktors aussieht. Lediglich 64 Temperaturfühler erfassen das Auf und Ab der Hitze in diesem Klotz. Was sie anzeigen, wäre eigentlich alarmierend genug: In der Plutonium-Maschine herrscht ein Temperaturgefälle wie in einem schlechten Backofen. Einige Thermoelemente melden steigende Werte, andere stagnieren oder fallen. Dazu kommt ein Konstruktionsfehler: Die Fühler sitzen dicht unter der Außenhaut. Dabei werden die Spitzenwerte bei einer Wigner-Entladung im Kern erreicht - etliche Meter von den Temperaturfühlern entfernt. Während Goodwins Instrumente noch gutmütige 250 Grad vorgaukeln, kratzen die Brennelemente im Inneren schon fast die 4oo-Grad-Marke. Wenn sie zu lange dieser Hitze ausgesetzt sind, können die Aluminiumhüllen und das darin eingeschlossene Uran in Flammen aufgehen.

Weil elf der 64 Fühler fallende Werte anzeigen, will Vic Goodwin den Reaktor weiter aufheizen. Warum er 18 Thermometer ignoriert, die steigende Werte melden, bleibt rätselhaft. Um 10.30 Uhr ordnet er an, Windscale I „kritisch" zu schalten: Die Steuerstäbe fahren aus dem Kern heraus, damit die Neutronen durch das Innere der Anlage schießen und die Hitze weiter steigen kann. Um 11.05 Uhr beobachtet die Betriebsmannschaft einen einzelnen, scharfen Temperatursprung, bei dem die Werte an einem Messpunkt um 8o Grad hochschießen. Hier könnte es zum ersten Mal gebrannt haben. Aber keiner kommt auf den Gedanken. Die Nachtschicht und der ganze nächste Tag verlaufen ruhig.

Doch am Morgen des 1o. Oktober, einem Donnerstag, brechen die Hiobsbotschaften wie Flutwellen herein: Um 5.40 Uhr schlagen die Geigerzähler am Schornstein der Anlage aus. Der Reaktor spuckt Strahlenpartikel aus. Auch die meteorologische Station von Windscale meldet steigende Radioaktivität. Und der Messwert am 120 Meter hohen Schornstein klettert von sechs auf enorme 30 Curie. Vic Goodwin und seinen Leuten schwant, dass nur ein Feuer so viel Radioaktivität freisetzen kann. Sie hoffen, nur ein einzelnes Element sei beschädigt, doch die Detektoren, die ihnen darüber Auskunft geben könnten, hat die Hitze schon ausgeknockt. Am Rand des Brennelementekanals Nummer 20/53 herrschen horrende 450 Grad, die Temperatur in den Brennelementen dürfte inzwischen sogar deutlich über 600 Grad liegen.

bild72a.jpg (8983 Byte) Nach dem Feuer posiert Tom Tuohy (o.l.) stolz mit einem Kollegen.

Um 5.40 Uhr schlagen die Geigerzähler im Schornstein der Anlage aus.

Erst um 15 Uhr alarmiert Victor Goodwin den Generalmanager Genthin Davey. Doch die Physiker und Operateure im Schaltraum warten vergeblich auf Anweisungen. Die Manager sind wie paralysiert. Keiner weiß, wie man einen Brand im Reaktor löscht. Um 16.30 Uhr wird es dem Chemiker Tom Hughes zu bunt, er will tun, was vor ihm noch keiner getan hat: Er will in die Kanäle der Brennelemente schauen, in denen gerade eine außer Kontrolle geratene Kettenreaktion abläuft.

Hughes zieht eine Gasmaske über sein Gesicht und steigt auf die Ladebühne des Reaktors. Vor ihm ragt die mächtige Betonwand mit exakt 3444 durchnummerierten Metallverschlüssen der Brennstoffkanäle auf, jeweils mit 21 Brennstäben, jeder so lang wie ein Unterarm. Im unteren Drittel rechts liegt Kanal 20/53. Hughes stellt sich ungeschützt vor das geöffnete kreisrunde Loch und blickt direkt ins Auge des Vulkans.

In dem großen, schlossähnlichen Haus in Sichtweite der Atomanlage herrscht tiefe Ruhe. Tom Tuohy, der Vizechef der Plutoniumfabrik, gibt den Pfleger für seine Frau und die beiden Kinder, die mit Fieber im Bett liegen. Um 17 Uhr rasselt das Telefon. „Tom!", ruft Generalmanager Davey, „unser Reaktor steht in Flammen." „Großer Gott, doch nicht der Kern?", fragt Tuohy zurück. Davey: „Doch. Kannst du sofort kommen?" Tuohy verhängt den Notstand über das Haus. Er befiehlt seiner Familie, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Dann rast er in seinem Jaguar los. Fünf Minuten später steht er vor dem Werkstor. Er wundert sich, wie still alles wirkt. Der Generalmanager behandelt den Unfall als interne Angelegenheit und alarmiert die Anwohner der Fabrik nicht.

bild72b.jpg (8694 Byte) Per Maschine werden die
3444 Brennstoffkanäle mit je 21 armdicken Brennstäben bestückt

Dabei ahnt Tuohy, dass aus dem Kamin über dem grauen Reaktorbau gasförmiges radioaktives Jod rar aufsteigt, gegen das die Staubfilter machtlos sind. Noch zieht die atomare Wolke aufs Meer hinaus. Doch der Wind kann jederzeit drehen und Richtung Südengland ziehen - London. Tuohy weiß, dass nicht mehr viel Zeit ist. Der Reaktor könnte jeden Moment durchbrennen und geht direkt zu Hughes auf die Arbeitsbühne. Er blickt in einen der Strahlen spuckenden Kanäle und sieht, dass der Reaktorkern glüht wie ein voll gepackter Kanonenofen, „rot wie reife Kirschen".

Tuohy erstattet dem ratlosen WindscaleChef Davey Bericht. Alle wissen: Wenn sich das Feuer durch den Reaktor frisst, stehen sie vor einer nationalen Katastrophe. Aber keiner spricht es aus. Ihnen bleibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Lassen sie die Ventilatoren laufen, um den Reaktor zu kühlen, dann facht der Sauerstoff das Feuer weiter an. Schließen sie die Ventilatorklappen und drehen so die Kühlung ab, könnten 2000 Tonnen Graphit und 72.324 Brennelemente in Flammen aufgehen. Darum greifen sie nach einem Strohhalm: Zufällig ist an diesem Tag ein Tanklaster mit 25 Tonnen flüssigem Kohlendioxid in Windscale angekommen. Tuohy lässt ihn vorfahren. Die Werksfeuerwehr legt Schläuche in den Reaktor, dann öffnen sich die Ventile, und das Gas schießt in die brennenden Kanäle.

Tuohy hat mehrere Metallkappen abschrauben lassen, um die Löschversuche zu beobachten. „Das Feuer brannte weiter, als ob wir gar nichts unternommen hätten." Die offizielle Untersuchung wird später einen farbenfrohen Bericht über diese Stunden liefern: „19.30 Uhr: hellere Flammen; 20.00 Uhr: gelbe Flammen; 20.30 Uhr: blaue Flammen." Die Temperaturen steigen weiter. Am Freitag, den 1i. Oktober, um 1.38 Uhr wird die Höchsttemperatur von 1300 Grad im Unglückskanal 20/53 gemessen.
Der Reaktor brennt, und die Menschen in den umliegenden Dörfern liegen immer noch ahnungslos in ihren Betten. Nur innerhalb der Anlage hat man den Notstand ausgerufen: Niemand darf die Gebäude verlassen, Türen und Fenster sind geschlossen zu halten. Der Wind weht zwischen ein und zwei Uhr immer noch mit 2 bis 3 Stärken aus Nordnordwest und treibt die radioaktive Wolke weiter auf die Irische See hinaus.

bild74a.jpg (6138 Byte) Den Bau des Reaktors (das Kontrollpult) hält Tuohy er bis heute für richtig.

Neben Jod 131 verteilt sich ein feiner Strahlencocktail aus Plutonium; Cäsium und Strontium über das Meer.
Während draußen ein friedlich-sonniger Tag dämmert, haben die Rettungsmannschaften in ihrem Kampf gegen die Vernichtung von Windscale nur noch eine Option: Wasser! Doch der Gedanke daran macht sie panisch. Wenn die Hitze das Wasser in seine atomaren Bestandteile zerlegt, kann eine Wasserstoffexplosion den Betonschild zerfetzen und das ganze radioaktive Inventar von Windscale in die Atmosphäre schleudern. Die gesamte westenglische Küste würde dann zu einem radioaktiven Grab, die britischen Inseln, das europäische Festland, womöglich gar die USA verstrahlt.

Tuohy verdrängt jeden Gedanken daran. „Wir hatten keine Wahl. Ich tat es einfach." Eilig knoten die Männer Wasserschläuche an die Gerüststangen. Wie Infusionsnadeln werden Lanzen mit den Schläuchen in den Reaktor geschoben. Dann verlassen sie das Operationsgebiet. Tuohy kauert mit eingezogenem Kopf hinter einer dicken Stahltür und gibt das Kommando. Es ist Freitag, 11. Oktober 1957 8.55 Uhr. Die Feuerwehr dreht die Hähne auf. 3600 Liter Wasser pro Minute schießen auf den glühenden Reaktorkern.
„Ich saß hinter meiner Tür und habe auf ungewöhnliche Geräusche gewartet. Aber da kam nichts", sagt Tuohy. Die große, alles vernichtende Explosion bleibt aus. Langsam lässt er den Druck der Pumpen steigen. Immer mehr Wasser strömt in den Reaktor. Doch es scheint überhaupt keinen Effekt zu haben. Tuohy öffnet auf dem Dach des Reaktors eine der vier Gullydeckel-großen Inspektionsluken. Er sieht, wie das Wasser durch die Kanäle im Reaktorkern schießt - am eigentlichen Brandherd vorbei. „Ich sah dort nichts als Feuer, es war immer noch ein einziges Flammenmeer."

Ist alles umsonst? Tuohy zieht seine Gasmaske vom Gesicht und gibt Anweisung, den Wasserdruck wieder zu drosseln. Sofort ändert das Wasser seinen Weg und plätschert durch den Graphitblock wie durch einen porösen Stein. Zischend verdampfen jetzt zehntausende Liter Wasser, eine riesige Dampfwolke schwebt über dem Reaktor. Spätestens jetzt merken auch die Leute im nahen Seascale, dass etwas nicht stimmt in „ihrer" Fabrik. Noch immer hat die Werksleitung die Bevölkerung nicht gewarnt. Während Tom Tuohys Familie die Läden dicht hält, gehen die Leute von Seascale durch die strahlengeschwängerte Luft zur Arbeit. Es ist 9.56 Uhr. Das Wasser kühlt das Graphit. Der Feind ist geschwächt. Aber das Feuer brennt weiter.

Tuohy ruft in Daveys Büro an und schlägt vor, die Ventilatoren abzudrehen, um das Feuer zu ersticken. Die Verantwortlichen von Windscale setzen alles auf eine Karte. „Niemand hat gezögert. Ich habe das OK bekommen." Und sie haben Glück. Noch während die Schaufeln der mächtigen Ventilatoren an der Seite des Reaktors auslaufen, erlischt das Feuer. Es ist 10.10 Uhr. Tuohy versucht noch einmal, den Deckel des Inspektionsloches anzuheben. Das sterbende Feuer japst nach Luft und der Unterdruck hält den Deckel fest. Erst mit einer Eisenstange hat Tuohy schließlich Erfolg. Unter ihm schlagen noch Flammen aus dem Graphit. Aber ihnen fehlt die Luft zum Atmen: „Ich sah das Feuer buchstäblich wegsterben."

30 Mann waren zeitweise im Einsatz. Neun Millionen Liter Wasser hat die Feuerwehr durch den Reaktor gepumpt. Um die Anlage herum hat sich ein radioaktiver Löschwassersee gebildet. Um 15.10 Uhr dreht die Werksfeuerwehr an diesem ungewöhnlich schönen Freitag im Oktober den Wasserhahn endlich zu. Tuohy weiß, dass das Feuer besiegt ist. Der Reaktor ist kalt.

bild74b.jpg (4961 Byte) Einen Darmkrebs hat der heute 86-Jährige Tuohy überlebt; nun quält Ihn ein Prostata Tumor.
 

Niemand warnt die Bevölkerung vor der radioaktiven Wolke.

Tom Tuohy rückt seinen Sessel näher an den künstlichen Kamin in seinem Wohnzimmer. Die Erzählung hat wieder auferstehen lassen, was für den heute 86-Jährigen die „wichtigsten Tage" seines Lebens sind. Alte Freunde, alte Geschichten. Auch die Frage nach der Schuld stellt Tuohy sich wieder. Vic Goodwins Einschätzung, der Reaktor kühle aus und müsse neu angeheizt werden, war falsch. Aber hätte er das in dem
Zahlenchaos erkennen können, das ihm die Anzeigen zur Verfügung stellten? Selbst die Britische Atombehörde gibt heute zu, dass in Windscale früher oder später ein Feuer ausbrechen musste. Zwischen Herbst 194.7 und Sommer 1950 hatten die Briten die Anlage in Rekordzeit hochgezogen, um aus Uran waffenfähiges Plutonium brüten zu können. Windscale hat Großbritannien in den Club der Atommächte katapultiert. Dass es eine hastig entworfene Maschine mit katastrophalen technischen Mängeln war, störte zehn Jahre lang niemanden. Und selbst wenn die Politiker um die Gefahren gewusst hätten - hätten sie deswegen ihren Platz im Club der Atommächte aufgegeben?

Keiner weiß heute, wie viele Menschen die radioaktive Wolke, die zuerst über England zog und nach einigen Tagen in Holland den europäischen Kontinent erreichte, wirklich getötet hat. Der Brand wurde drei Jahrzehnte geheim gehalten, die Atomfabrik später in Sellafield umbenannt. Nach jahrelangem Streit einigten sich Wissenschaftler aufgrund von Dosis, Wirkungsdauer und Erkrankungswahrscheinlichkeit schließlich auf die nackte Zahl Hundert. Mehr Europäer, vor allem Briten, sollen nicht durch Windscale an Krebs gestorben sein. Man wird es wohl nie genauer erfahren. Die Gräber der Opfer kann niemand besuchen.


Nach einem Darmkrebs Ende der 80er Jahre, den Tom Tuohy überlebte, leidet er nun an einem Tumor in seiner Prostata. Ein Werksarzt von Windscale hat seine Strahlenbelastung während des Brandes auf die vierfache erlaubte Jahresdosis geschätzt. „Ich kann nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass die Strahlung den Krebs ausgelöst hat. Aber dass Menschen zweimal Krebs bekommen, ist wahrscheinlich nicht allzu verbreitet." Trotzdem ist er noch immer stolz, dass er am nationalen Prestigeobjekt Windscale mitgearbeitet hat. ,Wenn die Amerikaner eine Atombombe hatten, dann sollten wir auch eine haben", findet er. Und bis heute ärgert ihn, dass die Menschen in Großbritannien nicht gelernt haben, die strahlende Energiequelle zu lieben.

MARCUS FRANKEN


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Bearbeitet am: 29.02.2004/ad


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