spiegelbild.jpg (2579 Byte)

Online

vom 12. Januar 2001

D O M A I N - S T R E I T

Wem gehört der "Castor"?

Von Christiane Schulzki-Haddouti

Firmen gehen beim Kampf um Domainnamen nicht nur gegen Privatleute vor, sondern auch gegen politische Gegner.

52 Tage vor dem Castor-Transport aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim in das Zwischenlager Ahaus und 73 Tage vor dem Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben, so die Castor-Gegner, scheinen die Aussichten düster für die Domain www.castor.de. Ein Atommüllbehälter-Hersteller will Betreibern die Domain abnehmen.

Eine private Gruppe von Castor-Gegnern sicherte sich im April 1997 die Domain www.castor.de. Jetzt will sie die Domain an die Betreiber der Website One World Web übertragen - doch das Deutsche Network Information Center (Denic) in Frankfurt weigert sich. Faktisch verfügt One World Web schon längst über die Domain - die Inhalte von www.castor.de und www.oneworldweb.de/castor sind identisch.

Die Essener Gesellschaft für Nuklear-Service mbH (GNS) hatte am 14. Juni bei der Denic einen "Dispute-Eintrag" erwirkt. Damit werden, so Thomas Vernau von der Denic-Supportabteilung, alle Daten so lange eingefroren, bis der Streit gerichtlich geklärt sei. Zuvor versicherte die GNS der Denic-Registrierstelle, dass sie ein Recht an der Domain besitzt. Sie habe den Namen "Castor" im November 1991 als Warenzeichen eintragen lassen.

Im Dezember forderte die GNS schließlich per Rechtsanwalt die Freigabe ein. Der Zeitpunkt kommt gelegen, denn seit Herbst 1996 nutzen die Atomkraftgegner aus dem Wendland das Internet, um Informationen über den Widerstand gegen Castor-Transporte nach Gorleben zu verbreiten.

Wenige Wochen vor dem neuen Transport soll die Domain nun also die Seite wechseln.

Ob die dann unter www.castor.de auch die Leser überzeugen wird, bezweifelt Dieter Metk von der wendländischen Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg: "Castor als Name, also als hohle Phrase, lässt sich vielleicht schützen. Der darin versteckte tödlich strahlende Atommüll nicht."

Und er erinnert an "die halbseitigen Farbanzeigen in der Presse", die damit warben, der Slogan "Castor" sei nur ein "anderes Wort für Vertrauen", kurz bevor der Kontaminationsskandal öffentlich wurde.

Welche Seite sich im Tauziehen um Castor.de vor Gericht durchsetzen wird, ist ungewiss. Die Anwälte der Castor-Gegner zeigen sich zuversichtlich. Immerhin handelt es sich nicht um eine kommerzielle Domain-Endung wie .com. Der Begriff Castor besitzt zudem längst eine politische Bedeutung, die die wirtschaftliche übertrifft.

Ein ähnlicher Streit um ein Plakat von Joseph Beuys 1984 ging jedenfalls zu Gunsten der Castor-Gegner aus: Nachdem das Plakat zunächst verboten wurde, intervenierte Joseph Beuys. Daraufhin wurde das Plakat zum Kunstwerk ernannt und wieder zum Druck freigegeben.

Bei den wendländischen Bauern heißt es frei nach dem Märchen von Hase und Igel: "Ihr müsst immer kommen. Mit Eurer Staatsmacht". Aber: "Wie sünd all dor"! Falls sich schließlich doch die wirtschaftlichen Interessen durchsetzen sollten, haben sich die Castor-Gegner bereits andere ähnliche Namen sichern lassen.

Bearbeitet am: 12.01.2001/ad


zurück zur Homepage